Baselland
11.06.2019

Die Flamme der Wut – und der Solidarität

Letzten Freitag brannten an sechs Orten in der Schweiz Höhenfeuer, wie hier auf dem Zunzgerberg bei Hölstein.Michèle Meyer, Organisatorin des Höhenfeuers, sieht Parallelen zwischen den Lebensläufen von Bäuerinnen und Hausfrauen. Fotos: M. Schaffner

Letzten Freitag brannten an sechs Orten in der Schweiz Höhenfeuer, wie hier auf dem Zunzgerberg bei Hölstein.

Michèle Meyer, Organisatorin des Höhenfeuers, sieht Parallelen zwischen den Lebensläufen von Bäuerinnen und Hausfrauen. Fotos: M. Schaffner

Frauenstreik Vor einer Woche kündigte ein Höhenfeuer bei Hölstein den Frauenstreik an: Am 14. Juni streiken die Frauen auch im Oberbaselbiet

Marc Schaffner

Morgen ist Frauenstreik. Seit Monaten bereiten sich Frauen, quer durch alle Bevölkerungsschichten und Berufsgruppen, in der Stadt und auf dem Land, auf diesen Tag vor. Rundherum sind Initiativen, Aktionen und Projekte entstanden, beispielsweise von Kirchenfrauen, Bäuerinnen, Pflegefachfrauen, Journalistinnen, Akademikerinnen und Frauen aus der Kulturbranche oder Wirtschaft.

Warum dieses Engagement? «Der 14. Juni ist wichtig, weil die gelebte Gleichstellung – wie sie in der Bundesverfassung steht – nicht erreicht ist», erklärt Jana Wachtl, Leiterin der Fachstelle Gleichstellung Baselland. Je mehr Frauen und Männer sich für Gleichstellung solidarisieren würden, desto besser. Gleichstellung als gesellschaftlicher Veränderungsprozess brauche Frauen, Männer und beispielsweise die Politik und die Wirtschaft als Verbündete.

Worum geht es am 14.Juni? Jana Wachtl zählt die zentralen Anliegen auf: für Lohngleichheit, für Anerkennung der unbezahlten Haus-, Familien- und Pflegearbeit, gegen weibliche Altersarmut, für Respekt statt Sexismus und Gewalt, für die Aufwertung von Pflege- und Erziehungsberufen. «Es sind Forderungen, für die sich viele Akteurinnen und Akteure seit Jahren engagieren», hält Jana Wachtl fest. Der aktuelle Impuls sei wichtig, da es gleichstellungspolitische Geschäfte häufig sehr schwer hätten. Der geplante Streik bringe Gleichstellung aufs Tapet und mache die Anliegen sichtbarer.

Ein Feuer auf dem Zunzgerberg

Ein sichtbares Zeichen setzte vergangenen Freitag eine Gruppe von Frauen auf dem Zunzgerberg bei Hölstein. Eine Woche vor dem 14.Juni entzündeten sie ein Höhenfeuer, wie es zum gleichen Zeitpunkt auch an fünf anderen Orten in der Schweiz geschah. Die Idee zu dieser Aktion hatte Michèle Meyer, Mitglied des regionalen Frauenstreik-Komitees, zusammen mit einer Kollegin aus dem Zürcher Oberland. «Mir war wichtig, dass der Frauenstreik nicht nur in der Stadt stattfindet, sondern auch hier», sagte die Initiantin in ihrer Ansprache. Das Höhenfeuer sei als Warnfeuer zu verstehen: «Achtung, in einer Woche streiken wir!» Die Flamme drücke die Wut der Frauen aus, aber sei aber auch eine Flamme der Solidarität.

Streik der Bäuerinnen

Auf dem Zunzgerberg waren auch Bäuerinnen dabei, die Michèle Meyer mithilfe von zwei Oberbaselbieter Landfrauen für die Aktion begeistern konnte. Viele Bäuerinnen bekämen keinen Lohn für ihre Arbeit, stellt Michèle Meyer fest, ähnlich wie bei der unbezahlten Hausarbeit. Bäuerinnen würden von morgens bis abends ohne Lohn arbeiten, ohne Rente, und wenn die Beziehung bachab gehe, stünden sie mit nichts da.

Ähnlich sei es für viele Hausfrauen in der typischen Kleinfamilie, fährt Mi- chèle Meyer fort. Es gelte immer noch, gerade auf dem Land, dass Frauen für «daheim» zuständig seien, für die Kinder, für die Pflege der älteren Generation. Mit ihrem Engagement wolle sie den Frauen auf dem Land eine Stimme geben: «Der Frauenstreik muss auch daheim ausgetragen werden – Wir sind nicht allein, auch wenn wir es daheim sind.»

In der Landwirtschaft sei man als Frau sehr nahe an der Care-Arbeit, sagt Nadja Graber, Bäuerin aus Liestal. Oft lebten mehrere Generationen auf einem Hof, da rutsche man schnell in die Verantwortung, wenn man sich um Eltern, Schwiegereltern, kranke Geschwis- ter, Kinder oder Angestellte kümmern müsse.

Ein grosses Thema für die Bäuerinnen sei neben Lohngleichheit die ganze Sozialversicherung, fügt Nadja Graber hinzu. Landfrauen würden 100 Prozent oder – eher gegen 200 Prozent – auf dem Hof arbeiten, bekämen aber keine Entschädigung, was grossen Einfluss auf das spätere Leben habe. Trennungen habe es früher nicht gegeben: «Man ist zusammengeblieben, die Frau hat sich drein geschickt», beschreibt Nadja Graber. Jetzt sei das nicht mehr so, die Frauen hätten eine Ausbildung, seien nicht mehr so abhängig und würden sich mehr getrauen.

Aber es gebe schon noch viele, die an der Tradition festhielten, ist sich Nadja Graber bewusst. Das habe sie gemerkt, als sie Bäuerinnen per Telefon angefragt habe, ob sie bereit wären, an einer Protestaktion teilzunehmen. Oft habe sie Antworten gehört wie: «Wir hatten das auch nicht, warum sollt ihr das haben?» oder: «Man darf nicht gleich beim ersten Widerstand davonlaufen» oder: «Die Männer schauen dann schon.»

«Müssen zusammenarbeiten»

Solidarität unter den Bäuerinnen sei wichtig, meint eine der anwesenden Landfrauen. Den Frauenstreik findet sie genial: «Ohne ihn hätten wir uns gar nicht kennen gelernt.» Eine weitere Bäuerin ergänzt: «Wenn sich jemand getraut, etwas zu sagen, sehen andere, dass sie nicht allein sind, und getrauen sich auch.»

Auch die anderen Frauen, die letzten Freitag auf den Zunzgerberg gewandert sind, betonen immer wieder die Solidarität. «Für die Zukunft ist wichtig, dass wir verbunden sind und zusammen- arbeiten», sagt etwa Madleina, eine Jugendliche aus Basel. Die sechs Höhenfeuer als Zeichen der Solidarität finde sie eine gute Idee.

Es gebe viel zu tun für die Frauen auf der ganzen Welt, deshalb sei es gut, sich zusammenzutun, sagt eine etwas ältere Teilnehmerin. Neben Lohngleichheit, Bildung, Familie und Beruf spricht sie die Betreuung von Seniorinnen an: «Die Generation, die jetzt ins hohe Alter kommt, war noch nicht berufstätig, das ist eine andere Situation als bei meiner Generation.»

Gleicher Lohn ohne verhandeln

«Seit fast 40 Jahren haben wir in der Verfassung den Gleichstellungsartikel, der die gleiche Behandlung von Männern und Frauen vorschreibt», betont Eleonora Heim aus Basel. In anderen Worten: «Frauen müssen sich nicht erst wie Männer verhalten, bevor sie gleich behandelt werden.» Das Mitglied des Basler Frauenstreik-Komitees fordert deshalb Lohngleichheit, Lohntransparenz und wirksame Sanktionen bei Verstössen: «Ich will, dass wir nicht erst um den gleichen Lohn verhandeln müssen, sondern dass wir ihn einfach bekommen, weil er uns zusteht!»

Ein Thema, das immer wieder zur Sprache kommt, ist die Kindererziehung. «Der Vater ist nicht Babysitter, wenn er auf seine Kinder schaut», findet Eleonora Heim, «sondern einfach Vater.» Bei der Elternzeit hinke die Schweiz peinlich hinterher, fügt Komitee-Mitglied Laura Pregger hinzu. Elternzeit sei etwas, das auch sehr vielen jungen Vätern am Herzen liege. Frauen, auf der anderen Seite, würden eine enorme Summe von «unsichtbarer» Gratisarbeit leisten. «Unser kapitalistisches System funktioniert nur, weil Gratisarbeit geleistet wird, diese bildet sich in der Rente nicht ab», sagt Laura Pregger. Viele Frauen, die Teilzeit gearbeitet hätten, müssten von furchtbaren Renten leben und seien von Altersarmut betroffen.

Im Gespräch mit den Frauen auf dem Zunzgerberg wird klar: Es gibt viele Themen, viele Anliegen, viele Gründe, um am 14. Juni auf die Strasse zu gehen. Auch Themen, die nicht direkt mit Lohngleichheit oder unbezahlter Pflegearbeit zusammenhängen, fliessen mit ein. Häusliche Gewalt, sexualisierte Gewalt, Migration, LGBTQ-Themen. Der Frauenstreik verstehe sich als queerfeministischer Streik, betont Laura Pregger: «Wir wollen, dass verschiedene Lebensrealitäten gelebt werden können.» Ihre Forderung: In der Schweiz muss 2019 eine Ehe für alle möglich sein und Kinder adoptieren oder In-vitro-Fertilisation können nicht länger Heteropaaren vorenthalten bleiben.

Speziell mit der Gewalt-Thematik beschäftigt sich Carol Ulmann von der «Aktionsgruppe gegen Gewalt an Frauen und gegen häusliche Gewalt». Die Zahlen sind erschreckend: Sexualisierte Gewalt führte in der Schweiz in den letzten zehn Jahren zu mehr als 25 Femiziden pro Jahr. Das heisst, alle zwei Wochen wird ein Femizid verübt, Tötungsversuche sind darin nicht enthalten. Gemäss der Istanbul-Konvention des Europarats, die die Schweiz ratifiziert hat, müssten die Kantone Baselland und Basel-Stadt 49 Frauenhausplätze anbieten, weiss Carol Ulmann. Vorhanden seien aber nur 17. Das Frauenhaus beider Basel müsse immer wieder Frauen abweisen. Eine Forderung des Frauenstreiks seien auch Schutzplätze für Transfrauen und Transmänner, fügt Carol Ulmann hinzu: «Es gibt keine expliziten Schutzplätze für Menschen, die nicht in das binäre System passen.»

 

Das Programm in Liestal

In der Rathausstrasse in Liestal finden morgen verschiedene Aktionen zum Frauenstreik statt. Um 11 Uhr gibt es eine Performance mit Irene Maag als Warm-up, von 12 bis 14.30 Uhr werden kleinere Reden gehalten, Schilder gemalt und ein Streikessen serviert. Auch eine Kinderbetreuung ist vorhanden. Erwartet werden rund ein Dutzend Bäuerinnen in Tracht oder Stallbekleidung, die es sich für einmal auf dem Liegestuhl bequem machen. Am Nachmittag geht es weiter in Basel: ab 15 Uhr versammeln sich die Baselbieterinnen mit Pfannendeckeln, Besen und Heugabeln beim Treffpunkt SBB, um 15.30 Uhr marschieren sie zum Theaterplatz. Weitere Infos: www.14juni.ch