Baselland
06.11.2019

Fit für die digitale Berufswelt

Matthias Nettekoven, Hoffmann-La Roche, Beat Voegtlin, Endress+Hauser, und Beat Lüthy, Amt für Volksschulen, im Gespräch mit Esther Keller (v.l.). Foto: M. Schaffner

Matthias Nettekoven, Hoffmann-La Roche, Beat Voegtlin, Endress+Hauser, und Beat Lüthy, Amt für Volksschulen, im Gespräch mit Esther Keller (v.l.). Foto: M. Schaffner

Bildung 4.0 Baselbieter Arbeitsmarkt- und Wirtschaftsforum 2019

Marc Schaffner

Kein Beruf wird in zehn Jahren noch genauso aussehen, wie er heute ist, sagen Prognosen voraus. Will die Schweiz wirtschaftlich am Ball bleiben, muss sie in die «digitale Bildung» ihrer Schülerinnen und Schüler investieren. «Wir müssen einen Spitzenplatz anstreben, nicht das Mittelmass», betonte Beat Lüthy, Leiter des Amts für Volksschulen, am Baselbieter Arbeitsmarkt- und Wirtschaftsforum (BAWF), das diesmal an der Fachhochschule Nordwestschweiz in Muttenz stattfand.

Die technologische Entwicklung verläuft rasant, nah dran an dieser exponenziellen Kurve ist auch die Wirtschaft, aber die Politik hinkt naturgemäss immer hinterher. Der Bildungsbereich bewegt sich irgendwo dazwischen. Das Podium am BAWF war sich aber einig, dass die beiden Basel gut unterwegs sind: Vertreter von Hoffmann-La Roche und Endress+Hauser – zugegebenermassen zwei «Vorzeigefirmen», wie Beat Lüthy bemerkte – präsentierten futuristisch anmutende Ausbildungsprojekte, die jetzt schon Realität sind.

«Junge Wilde» sammeln Ideen

Freiräume für Kreativität lassen, ausprobieren und auch Fehler machen dürfen, so stellt sich Beat Voegtlin von der Endress+Hauser Gruppe ein ideales Lernen vor – Stichwort «junge Wilde». Expertenteams sammeln Ideen, tauschen Wissen aus, verfolgen digitale Trends, besuchen andere Firmen. Die Weiterbildung ist flexibel und modular: Bei der Umstellung auf Office 365 waren die Mitarbeitenden selber dafür verantwortlich, sich die nötigen Fähigkeiten anzueignen. In Mitarbeitergesprächen wird besprochen, welche Kompetenzen nötig sind, um die Tätigkeit in den nächsten zwölf Monaten erfolgreich durchführen zu können.

«Agilität» heisst das Schlagwort, das Matthias Nettekoven, Leiter der Lehrlingsausbildung bei der F. Hoffmann-La Roche AG, einbrachte. Die Roche führt in Kaiseraugst ein eigenes Lern-Center, wo Lernende und Mitarbeiter individuell und mit modernsten Tools geschult werden. Matthias Nettekoven geht es darum, ein Bewusstsein, ein «Mindset» zu entwickeln, das «Veränderungen als Herausforderung fürs Gestalten» versteht. Er will den Jugendlichen die Angst vor der Digitalisierung nehmen, Zugänge schaffen, Freude am Lernen vermitteln und ihnen beibringen, Verantwortung zu übernehmen.

Kleine und mittlere Unternehmen haben allerdings nicht dieselben Möglichkeiten wie Grosskonzerne, räumten die Podiumsgäste auf Nachfrage von Moderatorin und Kommunikationsberaterin Esther Keller ein.

Soft Skills werden wichtiger

KMU blieben aber an dem Abend eher ein Randthema. Vielmehr drehte sich alles um die Frage, wie «Bildung 4.0» – und somit auch die Schule – die Wirtschaft unterstützen kann. Eines der Probleme ist, dass unter «Digitalisierung» nicht alle dasselbe verstehen, verdeutlichte Beat Lüthy: «Einen Aufsatz auf dem Laptop schreiben ist noch nicht Digitalisierung, die geht viel tiefer.» Es gehe auch nicht darum, die Schülerinnen und Schülern zu «Usern» zu machen. Ausserdem betonte Lüthy, dass die Schule einen generellen Bildungsauftrag habe, nicht nur für die Firmen. Im gleichen Atemzug forderte er, dass sich die Unternehmen zum Standort bekennen: «Wir müssen unsere Schülerinnen und Schüler im lokalen Gewerbe unterbringen können, es muss ein Miteinander sein.»

Roche-Vertreter Matthias Nettekoven fügte hinzu, dass er von Schulabgängerinnen und -abgängern nicht in erster Linie erwarte, dass sie Fachwissen in Biologie und Chemie mitbrächten. Viel wichtiger seien Motivation und Begeisterungsfähigkeit. Soft Skills würden in Zukunft im Fokus stehen, ergänzte Beat Voegtlin: «Das miteinander Arbeiten und an sich selbst Arbeiten wird ganz zentral sein.»

Somit wird auch das Berufsbild der Lehrperson nicht verschwinden, trotz allen Tools, Lern-Apps und Plattformen. Zwar werde die Lehrperson immer mehr zu einem «Coach», war am Podium zu hören, aber sie bleibe wichtig als «Expertin fürs Lernen».

Geleitet wurde das diesjährige BAWF von Thomas Kübler, Leiter Standortförderung, und Roman Zaugg, stellvertretender Leiter Kiga.

Das Schlusswort hielt Regierungsrat Thomas Weber: So wichtig «digitales Denken» und «lebenslanges Lernen» seien, alles baue auf den Konstanten der Grundbildung auf – Lesen, Schreiben, Rechnen.

 

Sozialkompetenz

Das BAWF setzt digitale Hilfsmittel beispielhaft an seinen Veranstaltungen ein. So können sich die Anwesenden auf dem Handy live an Saal-Abstimmungen beteiligen. Eine der Fragen war, ob sie «Bildung 4.0» oder kulturelle und soziale Kompetenzen in der Ausbildung als wichtiger empfinden. Thomas Kübler zum 50/50-Resultat: «Ohne soziale Kompetenzen nützt die ganze technische Gadget-Welt nichts, und umgekehrt können wir uns nicht ausschliesslich auf soziale und kulturelle Kompetenzen konzentrieren».