Region Gelterkinden
14.10.2020

Die Rache der Natur

Dr. Xian Kong – Ein wirkungsvoller Impfstoff zu erforschen braucht viel Zeit.
         
         
            Foto: S. van Riemsdijk

Dr. Xian Kong – Ein wirkungsvoller Impfstoff zu erforschen braucht viel Zeit.

Immunologe Dr. Kong über die Hoffnung auf einen baldigen Impfstoff gegen das Corona-Virus

Von: Sander van Riemsdijk

Das Corona-Virus hält uns in allen gesellschaftlichen Bereichen weiterhin fest im Griff und frisst sich unaufhaltsam in das soziale Leben hinein. Nach einer Phase der Entspannung zeigen die Ansteckungskurven in der Schweiz seit ­einiger Zeit nur einen Weg: Nach oben. Stehen wir damit an der Schwelle einer zweiten Corona-Welle?

Die Einsatzbereitschaft der Bevölkerung, sich gegen eine Ansteckung durch das Corona-Virus zu schützen, ist offensichtlich geringer geworden. Mit einer allfälligen Grippewelle, quasi einer doppelten Epidemie, birgt diese Haltung eine Gefahr in sich, wie Dr. Xian Chu Kong, Neurobiologe aus Sissach ausführt. Der 46-jährige Han-Chinese Xian Chu Kong hat seine Diplomarbeit in Immunologie an der Universität in Basel geschrieben und ist ein versierter Wissenschafter auf diesem Gebiet. Er führt seit sieben Jahren das China-House in Sissach und hat bereits im Mai dieses Jahres der ObZ ein Interview über die Entwicklung der Pandemie gewährt. «Ich weigere mich von einer zweiten Welle zu reden», sagt er und begründet dies damit, dass der eingeschlagene Weg, sich besser zu schützen, zwingend weniger strenge Massnahmen seitens des Bundesrats zur Folge hatte. «Die logische Konsequenz von dieser Strategie ist die Steigung der Fallzahlen.»

Wissenschaftliche Erkenntnisse

Was Kong an der Pandemie fasziniert, sind die wissenschaftliche Erkenntnisse, die seit dem Ausbruch der Seuche gesammelt werden konnten. «Wir haben es mit einem hochansteckenden, heimtückischen Virus zu tun, das uns immer wieder vor Rätsel stellt.» Und fügt an, dass «es noch einige Erkenntnisse braucht, damit wir die Komplexität des Virus verstehen». Die Wissenschafter sind aus seiner Sicht noch weit davon entfernt, in Erfahrung zu bringen, wie das Virus sich im Körper eines Menschen verhält. Aus diesem Grund rechnet er im besten Fall mit einem wirksamen Impfstoff in zwei bis drei Jahren. Es wäre sehr fahrlässig, einen Impfstoff auf den Markt zu bringen, von dem allfällige Nebenwirkungen noch nicht gründlich erforscht worden sind. Und warnt zugleich vor den Risiken: «Impfstoffe können, wenn nicht gut erforscht, auch das Gegenteil bewirken und zu gesundheitlichen Schäden führen.» Er schätzt die Prognose von einigen Wissenschaftern, Mitte des nächsten Jahres einen Impfstoff zu haben, als sehr gewagt ein, denn eine seriöse Forschung braucht nun mal seine Zeit. Aus dieser Optik ist es für ihn klar, dass es sich heute rächt, dass früher die Forschung nicht vorangetrieben wurde. So wurde das von der Firma Roche gegründete Institut für Immunologie Basel, das drei Nobelpreisträger hervorgebracht hat, im Jahr 2000 geschlossen. Er spricht in diesem Zusammenhang dann auch als Konsequenz dieser Schliessung von der «Rache der Natur».

Kein zweiter Lockdown

Kong ist sich zusammen mit den Fachkräften darüber im Klaren, dass ein erneuter Lockdown sozial wie wirtschaftlich fatal wäre und ein Zusammenbrechen der gesamten Industrie und Branchen zur Folge hätte. Aus virologischer Sicht braucht es seines Erachtens keinen erneuten Lockdown. «Wir konnten unterdessen mehr über das Virus in Erfahrung bringen und wissen, wie wir uns zu verhalten haben», sagt er.

Trotzdem kommt es immer wieder zu Ausbrüchen, da die Menschen sich insbesondere an grösseren Ansammlungen nicht mehr an die Regeln halten. Dazu kommt, dass wir uns durch unsere sterile Lebensweise unser Immunsystem gegenüber der Natur geschwächt haben. Dieses Immunsystem ist quasi unser Panzer, der sich gegen Fremdkörper, die versuchen in uns einzudringen, zur Wehr setzt. Durch die Verflechtung in unserer globalisierten Welt konnte das Virus auf die ganze Welt verschleppt werden.

Schutzmassnahmen konsequent umsetzen

Kong rechnet damit, dass die Pandemie uns noch einige Zeit beschäftigen wird. «Aber wir haben sehr gut verstanden, wie wir uns gegen das Virus schützen könnten», sagt er mit viel Optimismus im Unterton und «jetzt gilt es, die für jeden einzelnen richtigen Schutzmassnahmen konsequent umzusetzen, während wir auf den effektiven Impfstoff warten.»