Sie bringt Helene Bossert zum Klingen

Volksmusik Mit «Hoi Leni!» bringt die Baselbieterin Seraina Clark Bosserts Gedichte auf die Bühne

«S git Blüemli am Wäg, unschynber, chly; men achtet se chuum und goht dra verby. Und so gits au Möntsche, wo me verchennt, me lauft dra verby so chalt und so frönd.» Über die Baselbieter Mundartdichterin Helene Bossert, die dieses Gedicht 1942 schrieb, wurde gerade in den letzten Jahren viel geschrieben und erzählt. Unscheinbar und klein ist sie also keinesfalls, verkannt vielleicht eher.

Was in den meisten Projekten zu ihrer Person im Vordergrund stand, war ihre Geschichte, die ein Paradebeispiel für die Paranoia war, welche im Kalten Krieg auch die Schweiz im Klammergriff hielt. Ihr Werk glitt dabei oft aus dem Fokus. Ein aktuelles Projekt ändert dies nun: Unter dem Titel «Hoi Leni!» vertont die Baselbieter Liedermacherin Seraina Clark gemeinsam mit Simon Dettwiler am Schwyzerörgeli die Gedichte Bosserts. Damit greift Clark nicht nur die zeitweise verteufelte Künstlerin wieder auf, sondern stellt auch eine Frage: Was ist eigentlich Volksmusik – und wem gehört sie?

Mut zur Verletzlichkeit

Helene Bossert jedenfalls war eine vom Volk: 1907 wurde sie in Zunzgen in eine Arbeiterfamilie geboren und arbeitete seit jungen Jahren, unter anderem als Haushaltshilfe. In einem begüterten Basler Haushalt entdeckte sie die Literatur und begann, selbst Gedichte zu schreiben. Bald schon konnte sie als freie Mitarbeiterin beim Radiostudio Basel ihre eigenen Gedichte vortragen. 1944 heiratete sie, ein Jahr später kam ihr Sohn zur Welt. Bossert war überzeugte Pazifistin, hatte christliche Grundwerte und eine soziale Haltung. Eine Kommunistin war sie nie.

1953 reiste sie trotzdem in die Sowjetunion, als Gast der Schweizerischen Frauenvereinigung für Frieden und Fortschritt, die vom antifaschistischen Komitee der Sowjetfrauen eingeladen wurde. Nach einem kritischen Artikel in der «Volksstimme» kochte die Gerüchteküche hoch, die Bundesanwaltschaft bespitzelte sie, vereitelte ihre Lesungen und Bossert verlor ihre Anstellung beim Radio. Erst ab 1970 änderte sich der öffentliche Blick auf Bossert, 1988 erhielt sie den Baselbieter Literaturpreis. 1999 starb sie, ihre Wunden der Hetzkampagne verheilten nie ganz.

Clark fasziniert an Bossert aber nicht diese Geschichte allein, sondern vor allem ihre Kunst und der Mensch dahinter: «Mich berühren ihre Wärme und ihr Mut zur Verletzlichkeit», sagt sie. Bossert setzte sich für Leute ein, die übersehen wurden, schrieb aber auch über Liebe und Sehnsucht oder verfasste satirische Gedichte, die Zeitgenossen aufs Korn nahmen. Um Bossert besser zu verstehen, sprach Clark auch mit ihrem Sohn Ueli Fausch. Bossert habe eine sehr grosse Leidenschaft für die Dichtung gehabt, sei gerne auf einer Bühne gestanden und habe auch gerne geredet. Ihr Sohn erinnerte sich, dass er mit seinen Freunden von zuhause teilweise kaum wegkam, weil Bossert so viel erzählte.

Volksmusik war einst diverser

Von Bosserts Sohn weiss Clark auch, dass sie gerne Volksmusik hörte. Während der Heimarbeit sei das Radio dauernd gelaufen und auch zwischen ihren Auftritten gab es öfters musikalische Darbietungen.

Das mag heute überraschen, verbindet man Volksmusik doch eher mit konservativen Einstellungen und Heimattreue. Bossert war zwar patriotisch – während des Zweiten Weltkriegs betreute sie als «Soldatenmutter» Militärangehörige –, konservativ war sie aber nicht. Sie war eine arbeitende Frau, die etwas zu sagen hatte und die Gesellschaft subtil, doch ohne Furcht kritisierte.

Für Clark zeigt sich daran auch, wie stark sich die Bedeutung der Volksmusik verändert hat: «Die Volksmusik war lange viel diverser. Erst mit der geistigen Landesverteidigung in den zwei Weltkriegen fing man an, alles, was als nicht schweizerisch galt, wegzulassen», sagt sie. Es ist die ursprüngliche Volksmusik, die Musik des Volks inklusive all ihrer «unerwünschten» Teile, die Clark persönlich als Musikerin interessiert.

Sie kommt eigentlich eher aus dem Folk und Funk, der Film «Heimatklänge», in dem unkonventionelle Volksmusikerinnen und Volksmusiker porträtiert wurden, bildete für sie den Einstieg zum Naturjodel. «Als ich Noldi Alder zum ersten Mal hörte, hat mich das bis ins Mark erschüttert. Es klingt so roh und archaisch», sagt Clark. Alder gilt als «Volksmusik-Rebell», er schreckt nicht davor zurück, die Musik weiterzuentwickeln.

Damit ist Clark Teil einer Entwicklung, die sich seit einigen Jahren vollzieht: Schon in den 90er-Jahren mischte Christine Lauterburg Jodel mit Techno, heute schreibt der feministische Jodelchor «Echo vom Eierstock» veraltete Texte einfach um. Diese Künstlerinnen und Künstler bilden die Garde der neuen Volksmusik. «Der Jodlerverband hat nicht das Monopol zu definieren, was gute Volksmusik ist», sagt Clark, «sie kommt aus dem Volk und gehört dem Volk.»

Auch bei den Gedichten Bosserts scheut sich Clark nicht, einzelne Anpassungen zu machen. Das alte Baselbieter Wort «Fäckte» ersetzte sie mit dem moderneren Wort «Flügel» und in einem Gedicht über die unzähligen Wünsche des kleinen Hansli ergänzte sie die Liste mit den Wünschen ihres eigenen Sohnes. So stehen darin Spielsachen aus dem 20. und dem 21. Jahrhundert nebeneinander. Und in einem Gedicht, in dem ein Mädchen sich wünscht, ein Bub zu sein, weil nur Buben pfeifen dürfen, singt Clark stattdessen, dass sie sich wünsche, ein Mensch zu sein. «Ich denke, in der heutigen Zeit würde Helene Bossert mir zustimmen, dass man einfach Mensch sein können sollte, ohne Geschlechtereinschränkungen», sagt sie dazu.

Verbindung von Stadt und Land

Clark kann sich selbst gut mit Bossert identifizieren. «Es ist wichtig, dass jeder Mensch in Würde leben kann und Respekt von anderen erfährt, egal welche Voraussetzungen man hat», sagt Clark. Die Themen Bosserts seien hochaktuell: «Der Trend zum Neo-Hausfrauentum der Tradwives, die wachsende sogenannte ‹Manosphere› oder die Zahl der Femizide besorgt mich. Auch die vielen Kriege heutzutage bereiten mir Sorgen und ich kann Bosserts pazifistische Anliegen voll unterstützen.»

Was Clark auch mit Bossert gemeinsam hat, ist ihre Herkunft: Sie kommt aus Lupsingen, kennt also das Leben auf dem Land mit all seinen schönen, aber auch einengenden Seiten. Clark lebte ihre ersten sechs Lebensjahre auf dem Bauernhof der Grosseltern. Als Teenager zog es sie zunehmend nach Liestal, später nach Basel in die Stadt.

Heute sieht sich Clark als Verbindungsperson – sowohl zwischen Orten als auch zwischen verschiedenen Vorstellungen davon, was Volksmusik sein kann. Mit ihrem Trio «Bluescht» tritt sie an allen möglichen Orten auf, vom Bergdorf im Bündnerland bis zum Konzertlokal in Zürich. Die Rückmeldungen seien gut, sagt Clark, sowohl von Menschen vom Land als auch aus der Stadt. «Ich denke, viele schätzen es, wenn man etwas Eigenes macht, was man nicht jeden Tag hört.»

Damit schliesst sich der Kreis zu Helene Bossert: Auch sie machte etwas Eigenes, sprach über Menschen, die sonst leicht übersehen wurden, und liess sich nicht auf eine einzige Rolle festlegen.

Vielleicht ist es genau das, was «Hoi Leni!» heute wieder sichtbar macht: Hinter der umstrittenen Figur der Zeitgeschichte steckt vor allem eine Dichterin – und eine Stimme, die noch immer etwas zu sagen hat.

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