Diese Trompete kann mehr als glänzen

Baselbieter Konzerte Simon Höfele eröffnet die Saison mit Haydn, Beethoven, Schulhoff und einer Prise Jazz

Simon Höfele während seines leidenschaftlichen Auftritts. Foto: Pier-Giuseppe Caccatori
Simon Höfele während seines leidenschaftlichen Auftritts. Foto: Pier-Giuseppe Caccatori

Gelöste Stimmung und spürbare Vorfreude erfüllen die Liestaler Stadtkirche. Dann treten die CHAARTS chamber artists hervor, und Geiger David Castro-Balbi gibt den Einsatz zu Joseph Haydns fünfsätziger Sinfonie «Le Midi». Vom ersten Moment an kommt Bewegung in die Kirche. Das Ensemble, bisweilen als «grösstes Streichquartett der Welt» bezeichnet, musiziert mit federnder Präzision und Spielfreude. Simon Höfeles Trompete fügt sich im Es-Dur-Trompetenkonzert Hob. VIIe:1 von Haydn selbstverständlich in das kammermusikalische Geflecht ein. Das Zusammenspiel besticht durch Intensität und klangliche Beweglichkeit. Die Trompete gilt als Instrument des grossen Auftritts. Doch der 32-jährige deutsche Trompeter interessiert sich ebenso für leise Zwischentöne. Er zeigt, dass sein Instrument nicht nur strahlen, sondern auch flüstern, singen, tanzen und melancholisch klingen kann. Virtuosität wird dabei nicht zur Zurschaustellung technischer Brillanz, sondern zum Mittel des Ausdrucks.

Beethoven imkammermusikalischen Kleinformat

Nach der Pause folgt Ludwig van Beethovens «Pastorale» – allein schon eine Ansage. Man könnte meinen, das Publikum sei auf das Kommende vorbereitet. Doch was die Musiker des CHAARTS Ensembles mit ihrer Interpretation von Michael Gotthard Fischers Bearbeitung für Streichsextett aus dem Jahr 1810 auf die Zuhörerschaft aller Altersgruppen zukommen lassen, dürfte kaum jemand erahnen. Das Sextett legt auf ungewohnte Weise los. Vor dem inneren Auge entstehen Bilder von Natur, Landleben und heraufziehendem Gewitter. In dieser Fassung gewinnt die Komposition an Transparenz: Wachtel, Kuckuck und Nachtigall scheinen unmittelbar aus dem Ensemble herauszurufen. Damit wird auch Beethovens Vorstellung spürbar, seine Sinfonie sei «mehr Ausdruck der Empfindung als Malerei». CHAARTS interpretiert das Werk mitreissend und zugleich wild und zart. Kraftvolle Forti wechseln sich mit feinsten Pianissimo-Passagen ab. Die Violinen, Bratschen und Bässe spielen auf höchstem Niveau. Dabei blitzt immer wieder ein Hang zum Swing auf – als wollten klassische Klänge mit den Rhythmen jüngerer Generationen verschmelzen. Hier zeigt sich ein Generationenwechsel: Die traditionsreiche Klassik wird neu gedacht und von einer jüngeren Musikergeneration mit frischem Elan und spürbarer Lebensfreude interpretiert. Das steife Auftreten, das die klassische Musik noch im 20. Jahrhundert oft prägte, weicht einer lebendigen, unverkrampften Musizierweise. Fiebrige Energie, spürbare Spielfreude und überraschende Swing-Momente lassen klassische Formen und moderne Rhythmen miteinander verschmelzen. Das klingt frisch, unmittelbar und macht Lust, die Komposition gleich noch einmal zu erleben. Umso bedauerlicher, dass bislang keine Aufnahme dieser Interpretation vorliegt.

Wenn die Klassikzu swingen beginnt

Mit Erwin Schulhoffs «Hot-Sonate» fällt die letzte höfische Zurückhaltung. Nun groovt es: Höfele lotet virtuos, rhythmisch prägnant und mit sichtbarer Lust die Grenzen zwischen Klassik und Jazz aus. Die Trompete beweist, dass sie weit mehr kann, als festliche Fanfaren anzustimmen. Den emotionalen Schlusspunkt setzt Höfele am Flügelhorn mit Elvis Costellos «Almost Blue», geprägt auch von Chet Bakers melancholischer Interpretation. Ein verletzlich dünner, beinahe zerbrechlicher Ton verleiht dem Stück berührende Tiefe. Aus dem strahlenden Soloinstrument wird eine Stimme, die von Sehnsucht und Vergänglichkeit erzählt. Das Publikum dankt mit lautstarkem Applaus.

Höfele und CHAARTS zeigen eindrücklich, dass technische Souveränität kein Selbstzweck sein muss. Die 44. Saison beginnt mit musikalischen Grenzgängern, die das Klischee der Trompete als blosses Fanfareninstrument überzeugend widerlegen. Seit 1984 bringt der Verein Baselbieter Konzerte hochkarätige Kammermusik nach Liestal. Bis April stehen zehn Konzerte auf dem Programm. Neu ergänzen Künstlergespräche, der «VivaCelloTalent»-Wettbewerb und Schulworkshops das Angebot. Vor dem Konzert erfuhren rund 20 Interessierte im Gespräch mit Journalist Thomas Brunnschweiler mehr über Höfele und seine Werkauswahl.

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