Kino bietet ein Gemeinschaftserlebnis
Interview Das Kino Sputnik im Palazzo Liestal hat kürzlich einen zweiten Kinosaal eröffnet
ObZ: Im Mai hat das Kino Sputnik einen zweiten Kinosaal eröffnet. Was war der Grund dafür?
Jonny Maurice: Der Hauptgrund ist, dass wir mehr Möglichkeiten haben, Filme zu zeigen. Es gibt so viele tolle Filme und mit der Digitalisierung gibt es viel mehr Filme als früher, darunter auch zahlreiche Produktionen aus der Region. Wir haben wirklich Probleme bekommen, alle Filme unterzubringen, und mit zwei Sälen haben ist das jetzt viel einfacher.
Seit ich hier im Kino arbeite, haben wir immer davon geredet, im Palazzo einen zweiten Saal zu realisieren. Es war immer die Frage, wo würden wir es machen? Jetzt gab es eine wirklich gute Gelegenheit mit den Räumlichkeiten. Angolo Dolce und der Orient Express, die oben ihre Verkaufsstände hatten, hatten unten ihre Lager und die Backstube. Als sie wegzogen und diese Räumlichkeiten frei wurden, fanden wir, das ist jetzt eine Möglichkeit.
Wir sind jetzt auch flexibler mit Vermietungen, zum Beispiel für ein Geburtstagsfest. Das war vorher schwieriger am Abend, weil wir den regulären Film nicht unterbrechen konnten. Man kann auch einen Apéro im Palazzo-Saal oben machen oder manche gehen zuerst essen und machen dann bei uns einen Filmanlass. Kürzlich hatten wir hatten auch eine Anfrage von jemandem, der am Sonntagabend mit Kollegen Autorennen schauen möchte.
Das andere Liestaler Kino, das Kino Oris, musste letztes Jahr schliessen. Geht es den Kinos auf dem Land generell schlecht – und wenn ja, ist das Sputnik eine Ausnahme, wenn es sogar in einen neuen Saal investieren kann?
Es ist mit den Kinos ein bisschen wie mit dem «Lädelisterben» auf dem Land. Es gibt schon die Tendenz, dass man zu den grossen Multiplex geht und die Kino auf dem Land es schwieriger haben, das ist gleich, wie wenn man ins Shoppingcenter geht und die Dorfläden es schwerer haben. Es gibt aber immer auch Dorfläden und Kinos, die sich spezialisiert haben und gut verankert sind und die Chance haben weiterzumachen. Da wir nicht das gängige Mainstream-Kino machen, sondern Arthouse, europäische und Schweizer Filme, gepaart mit sehr vielen Spezialanlässen, zu denen die Regisseurinnen und Regisseure vorbeikommen, gibt das einen Mehrwert, den die Leute in Liestal und Umgebung extrem schätzen.
Trotzdem ist es eine naheliegende Frage: Hat das Kino in Zeiten von Netflix noch eine Zukunft?
Doch, ich bin überzeugt, dass das Kino eine Zukunft hat. Es ist schon unzählige Male totgesagt worden, aber es existiert immer noch. Es hat sich verändert, das ist klar. Es ist nicht mehr so: Man zeigt einen Film und die Leute strömen ins Kino. Man muss ein bisschen mehr dazu bieten, es muss Herzblut dahinter sein. Aber man sieht, dass es immer wieder Filme gibt, die Massen ins Kino locken.
Wie zum Beispiel «s’Füür vo Lieschtel», der Film über den Chienbäse, für den das Kino Oris extra für einige Vorstellungen wieder geöffnet wurde. Offenbar gibt es immer noch eine Faszination für Filme?
Gute lokale Filme ziehen natürlich immer. Das sahen wir schon beim «Welthund» von Barbara Saladin, den wir damals gezeigt haben. Das war auch ein regionaler Film. Wir hatten wochenlang volle Säle, weil sich die Leute damit identifizieren konnten. Viele kamen, weil sie sehen wollten, ob sie selber drin vorkommen. Es ist etwas, das wahnsinnig interessant und spannend ist, weil es von hier ist. Aber es ist natürlich nicht so, dass jede Woche ein lokaler Film in die Kinos kommt, das sind einzelne Perlen, die man zeigen muss.
Davon abgesehen, bleibt die Frage: Wir haben Multiplex-Kinos, Netflix und die Jungen schauen sich Kurzvideos auf Tiktok an. Das Medium Film als solches und unsere Sehgewohnheiten ändern sich. Muss sich das Kino an diese Entwicklungen anpassen?
Wie es sich mit den ganz Jungen entwickelt, die jetzt nachkommen, wissen wir noch nicht. Bei dem etwas älteren Publikum ist es schon noch das Gemeinschaftliche. Man ist nicht allein im Kino, sondern miteinander. Wenn man aufs Handy schaut, ist man völlig für sich. Und der Vorteil vom Kino ist, dass man sich wirklich mit dem Film befassen muss. Man kann nicht alle zwei Minuten etwas zu trinken holen oder aufs WC, wie daheim, wo man auf «Pause» drückt und zwischendurch etwas Anderes macht. Im Kino setzt man sich damit auseinander. Manchmal ist es ein schwieriger Film und man würde lieber früher gehen. Aber es ist ja so, dass sich der Film gegen Schluss entwickelt. Zuhause hätte man schon lange umgeschaltet und hätte gar nicht erlebt, was noch kommt. Dazu ist es die grosse Leinwand und der Sound. Es ist einfach ein ganz anderes Erlebnis, man ist wirklich im Film drin. Daheim oder unterwegs ist man immer abgelenkt. Wir haben ganz viele, die abends abmachen, zuerst etwas essen und dann einen Film schauen, als gesellschaftlichen Anlass. Wir haben auch viele, die allein kommen, aber sie wissen, es hat andere Leute da, die trotzdem ein Gemeinschaftserlebnis erlauben. Das ist das grosse Plus des Kinos, wie wir es hier erleben.
Hat der jüngere Teil eures Publikums denn überhaupt noch die Ausdauer, einen zweistündigen Film zu Ende zu schauen?
Wir haben schon eher ein älteres Publikum, von 40 aufwärts. Aber es gibt jüngere Menschen ab 20 Jahren, die bewusst kommen, um sich Filme im Kino anzuschauen. Dies zeigt sich vor allem im Arthouse- und Dokumentarfilmbereich, beim Mainstream weniger. Und bei Kindern, die meistens in Begleitung von Erwachsenen kommen, funktioniert es auch gut. Klar, die Aufmerksamkeitsspanne ist nicht sicher mehr so, wie sie einmal war. Aber wenn der Film fesselnd und spannend ist, dann ist es kein Problem. Wir haben auch viele Schulklassen, die kommen. Wenn es ein ruhiger Film ist, der nicht so spannend ist, dann geht dauernd jemand aufs WC, aber es gibt auch packende Filme, bei dem die Saaltüre erst am Ende der Vorstellung das erste Mal aufgeht.
Welchen Stellenwert haben Filme für Kinder und Familien für euch? Hat sich da etwas verändert?
Es gibt mehr Kinderfilme als früher. Früher hatte man nur die Hollywoodfilme, heute gibt es sehr viele europäische Filme. Die Auswahl ist viel grösser, dadurch zeigt man mehr Kinderfilme. Und das läuft gut. Nach Corona war es das Erste, was wieder angelaufen ist. Kinderfilme sind ein schöner Anlass für Grosseltern mit Enkelkindern. Aber es ist schon ein Schlechtwetterprogramm. Bei schönem Wetter gehen sie weniger ins Kino.
Was sind die bewährten Formate im Programm des Kino Sputnik?
Wir haben das reguläre Programm, darunter ganz viele Schweizer Filme, meistens Dokumentarfilme, oft mit Filmgesprächen mit den Regisseuren. Dann haben wir das «Landkino» am Donnerstagabend. Und wir haben «InCine», das ist ein kantonales Filmvermittlungsprogramm, das wir auf die Beine gestellt haben, bei dem sich Schulklassen melden können und vom Kanton beim Eintritt unterstützt werden. Es ist eine Plattform, auf der Filme aufgelistet sind, und wo die Lehrer sich direkt anmelden können. Der Verein schaut dann, in welchem Kino es möglich ist, in Gelterkinden, Liestal oder Allschwil. Das Ziel ist Filmvermittlung, das heisst ein Film und danach ein Gespräch mit jemandem aus dem Filmgeschäft. Es können aber auch Vorstellungen ohne Filmgespräch gebucht werden.
Dann haben wird das Format für die ganz Kleinen, «Grosses Kino für die Kleinen», ein dreiviertelstündiges Kurzfilmprogramm für ein Publikum von drei bis sechs Jahren. Die «Zauberlaterne» ist jetzt auch bei uns daheim, das ist ein Filmclub mit längeren Filmen für grössere Kinder. Am Anfang gibt es Darstellende, die eine kurze Einführung machen, und es ist ohne Erwachsene.
Ausserdem zeigen wir zwei Mal pro Woche, immer montags und donnerstags, im Marabu in Gelterkinden einen Film aus unserem aktuellen Programm.
Welcher aktuelle oder kommende Film liegt Ihnen am meisten am Herzen, den Sie unseren Leser/-innen empfehlen würden?
Von den Filmen, die jetzt gerade kommen, am meisten «Frank & Louis», das ist der Film von Petra Volpe, die «Heldin» und «Die göttliche Ordnung» gemacht hat. Es ist ihr erster englischsprachiger Film, der gerade am Zürich Film Festival Premiere hatte, und ich bin gespannt, wie er vom Publikum aufgenommen wird.
Interview: Marc Schaffner






