Der weisse Stock allein reicht nicht
Hölstein Elisabeth Huber-Bichsel zeigt, welche Schwierigkeiten blinde Personen im Alltag erleben.

Wenn Elisabeth Huber-Bichsel sich zuhause fortbewegt, weiss sie vor ihrem inneren Auge genau, wo sie sich befindet. Sanft legt sie die Finger an ihre Küchenzeile, folgt ihnen bis zum Ende des Küchenschranks, dann macht sie eine Handbewegung zurück. Sie öffnet die Tür und holt zielgenau ein Plastikgefäss heraus. Draussen hingegen geht diese Selbstständigkeit nicht mehr: Seit Huber-Bichsel 2015 von Oberdorf nach Hölstein gezogen ist, geht sie nicht mehr allein aus dem Haus. Zu gross ist das Risiko, sich zu verlaufen. Denn Huber-Bichsel ist blind.
Alles begann nach der Geburt ihres Sohnes Stefan mit starken Kopfschmerzen. Huber-Bichsel war damals etwa dreissig Jahre alt. Ein Augenarzt stellte die Diagnose Glaukom, auch grüner Star genannt – sie hatte zu wenig Flüssigkeit im Auge. Mehrere Operationen und Therapien brachten nicht den erhofften Erfolg, sie sah immer weniger. Irgendwann blieb ihr nur noch ein kleiner Ausschnitt ihres Sichtfelds. «Ich habe nur noch wie durch eine Röhre gesehen», sagt Huber-Bichsel. Im Januar 2016 erblindete sie schliesslich ganz.
Ohne Unterstützung geht nichts
Zu diesem Zeitpunkt hatte Huber-Bichsel längst gelernt, mit der zunehmenden Sehbehinderung umzugehen. Sie arbeitete im Konsum in Pratteln und später in Oberdorf, danach im Alterszentrum Gritt. 1990 besuchte sie eine Sehbehindertenschule in Basel, wo sie unter anderem lernte, sich mit dem weissen Stock zu orientieren. In Oberdorf, wo sie 30 Jahre lang lebte, konnte sie sich damit gut bewegen. Sie fuhr mit dem Waldenburgerli nach Liestal, ging zur Therapie oder zum Arzt und fand sich mithilfe der Leitstreifen auch dort zurecht. In der Öffentlichkeit zählte Huber-Bichsel die Schritte, sie wusste, wann sie wo abbiegen musste, um zum Ziel zu gelangen.
Doch mehr und mehr veränderte sich ihre Umgebung. «Liestal ist heute nicht mehr, wie es früher war», sagt Huber-Bichsel. Ein neuer Weg, eine Baustelle oder ein Hindernis kann ausreichen, damit sie nicht mehr weiss, wo sie sich befindet. «Wenn irgendetwas sich ändert, verliert man die Orientierung.» Sie erzählt von einem Weg in Oberdorf, den sie bestimmt hundertmal gegangen war. Dann wurde dort eine Baustelle eingerichtet und ein Loch ausgehoben. Huber-Bichsel musste einen anderen Weg nehmen und verlor vollkommen die Orientierung. Ein Mann kam vorbei, fragte, ob sie etwas suche, und begleitete sie. Eine ähnliche Erfahrung machte sie später auch auf dem Weg in Hölstein. Seither will sie nicht mehr allein aus dem Haus. Die Angst, sich zu verlaufen, ist zu gross.
So wie Huber-Bichsel geht es vielen Menschen in der Schweiz. Anlässlich des Internationalen Tags des weissen Stocks am 15. Oktober weist der Schweizerische Blinden- und Sehbehindertenverband (SBV) auf die Schwierigkeiten hin, denen blinde und sehbehinderte Menschen im Alltag begegnen. Schwierigkeiten, wie Huber-Bichsel sie erlebt: Baustellen, abgestellte Fahrzeuge oder Gastro-Aussenbereiche können für blinde Personen trotz weissem Stock und Leitstreifen das Bewegen im öffentlichen Raum massiv erschweren.
Damit Huber-Bichsel doch noch aus dem Haus kommt, muss sie auf Unterstützung zählen. Montags kommt jemand vom Roten Kreuz mit ihr einkaufen, Dienstags putzt und saugt die Spitex bei ihr und hilft ihr mit Zahlungen und anderer Korrespondenz. Mittwochs geht sie jeweils mit einer Nachbarin, die auch sehbehindert ist und zudem nicht mehr gut hört, ins Dorf Kaffee trinken. Huber-Bichsels Ehemann ist 2014 gestorben, doch ihr Sohn mit seiner Frau und den zwei Enkelsöhnen wohnen im gleichen Haus. Manchmal fühlt sie sich trotzdem einsam. Besonders wenn die Familie in den Ferien ist.
Trotz Blindheit versucht Huber-Bichsel, so viel Selbstständigkeit wie möglich zu erhalten. Dreimal pro Woche kocht sie für die Familie ihres Sohnes. «Auch blind kann man kochen, man muss sich nur einrichten», sagt sie dazu. Sie orientiert sich am Geruch, am Gefühl und am Geräusch. Sie hört, wann das Wasser kocht, und weiss, wann sie eine Sauce vom Herd nehmen muss. Viele Rezepte hat sie im Kopf. Andere lässt sie sich von ihrem sprechenden Computer vorlesen. Überhaupt helfen ihr technische Hilfsmittel dabei, ihren Alltag möglichst eigenständig zu bewältigen. Ein Gerät kann ihr sagen, welche Farbe ein Kleidungsstück hat. Mit einem Aufnahmegerät spricht sie ihre Einkaufsliste auf. Und mit speziellen Etiketten und einem Aufnahme- und Ablesestift kann sie die Zutaten in ihrem Schrank audio-beschriften. «Früher gab es das alles noch nicht», sagt Huber-Bichsel merkbar beeindruckt.
Aufgeben ist keine Option
Aufgeben will Huber-Bichsel nicht. «Ich habe meinen Humor nicht verloren», sagt sie. Sie habe sich damit abgefunden. «Was will ich anders machen?» Und auch wenn sie nichts sieht, gehe manchmal ein Türchen auf, sagt Huber-Bichsel. So etwa auch beim Umzug von Oberdorf nach Hölstein. Für sie ging hier ein Jugendtraum in Erfüllung: ein Pool. Als junge Frau habe sie sich immer einen eigenen Pool gewünscht, heute kann sie direkt vor ihrer Haustür darin schwimmen – wenn jemand dabei ist.
Von den Menschen um sich herum wünscht Huber-Bichsel sich vor allem eines: etwas mehr Aufmerksamkeit. Im Dorf passiere es regelmässig, dass Bekannte an ihr vorbeigingen, ohne zu grüssen. «Die denken wohl, dass ich es nicht merke, weil ich ja nichts sehe.» Dabei erkennt sie viele Menschen an ihrer Stimme. Und wenn jemand vor ihr steht und ihr die Hand entgegenstreckt, kann sie nur lachen. «Ich sehe doch nichts.» Dann fügt sie an: «Die Leute sind manchmal hilfloser als ich.»
Huber-Bichsel hat gelernt, sich in ihrer Wohnung zu orientieren. Sie kennt jeden Schritt, jeden Handgriff und den Platz jedes Gegenstands. Draussen aber kann schon eine kleine Veränderung reichen, damit ihr die Orientierung fehlt. Dann braucht sie jemanden, der sie begleitet. Vielleicht ist es deshalb auch das Einfachste, was sie sich von ihren Mitmenschen wünscht: dass sie nicht einfach an ihr vorbeigehen.


