Lebensfreude pur
Gravel Michael Imhof und Arie Troost aus Bubendorf bewältigten den Super Grevet von Basel nach Kleve
Gravel ist auch in unserer Region längst angekommen. Das zeigte vorletztes Wochenende der Gempen Grinder, der zahlreiche Fahrerinnen und Fahrer auf die Schotterwege rund um den Gempen lockte. Michael Imhof und Arie Troost aus Bubendorf suchten ihre Herausforderung einige Nummern grösser: Als «Team Schaltwerk» nahmen sie den Super Grevet von Basel nach Kleve unter die Räder – rund 830 Kilometer in vier Tagen.
Was mit einem Beitrag auf Instagram begann, endete vier Tage später nahe der niederländischen Grenze. Dazwischen lagen lange Tage auf dem Velo, Nächte unter freiem Himmel, technische Probleme und unzählige Eindrücke.
Der Super Grevet Basel–Kleve ist kein klassisches Radrennen. Nicht Ranglisten und Sekunden stehen im Vordergrund, sondern das Abenteuer und die Herausforderung, eine lange Strecke weitgehend aus eigener Kraft zu bewältigen.
Imhof war über Instagram auf den Anlass gestossen. «Ich habe das gesehen und irgendwann Arie erzählt: Das wäre doch noch etwas zum Fahren.» Zunächst stand sogar die Idee im Raum, die Strecke alleine zu absolvieren. Schliesslich entschieden sich die beiden, als Team Schaltwerk gemeinsam zu starten.
Faszination fürlange Distanzen
Die Begeisterung für solche Abenteuer war schon zuvor gewachsen. Ultracycling-Veranstaltungen wie das Atlas Mountain Race in Marokko hatten bei den beiden Eindruck hinterlassen. Es sind weniger die bekannten Stars des Strassenradsports, die sie faszinieren, als jene Fahrerinnen und Fahrer, die während Tagen enorme Distanzen zurücklegen. «Was diese Leute leisten, ist unglaublich», sagt Imhof. Der Super Grevet bot die Gelegenheit, selbst in diese Welt einzutauchen.
Ganz unvorbereitet gingen die beiden nicht ins Abenteuer. Neben dem individuellen Training absolvierten sie gemeinsam eine zweitägige Tour durch den Schwarzwald. Für Basel–Kleve setzten sie sich ein einfaches Ziel: In drei oder vier Tagen wollten sie ankommen.
Schon der erste Tag zeigte, dass bei einer solchen Fahrt nicht allein die Geschwindigkeit zählt. Über den Schauinsland führte die Strecke Richtung Freiburg und weiter in die Rheinebene. Die Fahrt entlang des Rheins bei Sonnenuntergang blieb besonders in Erinnerung. Spätabends folgte in Strassburg eine Stärkung, bevor nochmals rund zwei Stunden gefahren wurde. Geschlafen wurde draussen im Schlaf- und Biwaksack.
Defektegehören dazu
Natürlich verliefen die 830 Kilometer nicht ohne Zwischenfälle. Ein knackendes Pedal bereitete Sorgen, konnte am nächsten Morgen mit Hilfe von Arbeitern und dem passenden Werkzeug aber wieder festgezogen werden.
Später folgten mehrere Platten. Die Tubeless-Bereifung dichtete einen Defekt nicht mehr zuverlässig ab, sodass schliesslich mit Schlauch weitergefahren wurde. Zeitweise wurden selbst die Ersatzteile knapp.
Ans Aufgeben dachten die beiden dennoch nicht. «Aufgeben war eigentlich nie eine Option», sagt Troost. Vielmehr gehörten die Schwierigkeiten irgendwann genauso zur Reise wie Müdigkeit und schmerzende Körperstellen.
Ab dem dritten Tag schlossen sich zwei weitere Schweizer an. Sie hatten bereits Erfahrung mit solchen Langstrecken und brachten eine gewisse Gelassenheit in die Gruppe. Statt möglichst schnell wieder loszufahren, durfte beim Zwischenstopp auch einmal ein Kaffee drinliegen.
Auch die gegenseitige Motivation half. «Du musst gar nicht gross überlegen, ob du noch magst. Der andere fährt – also fährst du auch», beschreibt es Imhof.
«Für mich ist dasLebensfreude»
Was reizt daran, vier Tage lang zu fahren, im Freien zu schlafen und nachts mit dem Lichtkegel des Velos durch Wälder und über Schotterwege zu rollen?
Troost findet dafür eine einfache Erklärung: «Für mich ist das Lebensfreude.» Mit eigener Kraft solche Distanzen zurückzulegen, Landschaften und Städte zu erleben und unterwegs immer wieder neue Eindrücke aufzunehmen, mache den besonderen Reiz aus. «Man spürt das Leben. Und dazu gehört auch, dass es einmal weh tut.»
Für Imhof besitzt das Velofahren noch eine zusätzliche persönliche Bedeutung. Er lebt mit einer Krebserkrankung, die er derzeit im Griff hat. Beim Super Grevet stand diese jedoch nicht im Mittelpunkt. Die Fahrt wurde vielmehr zu einem weiteren Beweis dafür, was weiterhin möglich ist. «Für mich ist das Velofahren die beste Therapie», sagt Imhof. Die 830 Kilometer seien ein weiterer Meilenstein. «Solche Erlebnisse zeigen mir, dass noch lange nicht Schluss ist.»
Zwischen Freudeund Wehmut
Nach vier Tagen kam Kleve immer näher. Und plötzlich entstand ein Gefühl, mit dem die beiden kaum gerechnet hatten. Einerseits freuten sie sich auf das Ziel, andererseits sollte das Abenteuer noch gar nicht enden. «Zehn Kilometer vor dem Ziel denkst du: Jetzt ist es bald fertig. Auf der einen Seite freust du dich darauf. Auf der anderen denkst du: Schade, schon fertig.» Nach Tagen im Rhythmus von Fahren, Essen, Schlafen und wieder Fahren hatten die Bubendörfer ihren eigenen Flow gefunden. Im Ziel mischten sich deshalb Stolz und Erleichterung mit einer gewissen Wehmut.
830 Kilometer lagen hinter dem Team Schaltwerk. Und nach der Rückkehr nach Bubendorf war vor allem eines klar: Es dürfte nicht das letzte Gravel-Abenteuer von Michael Imhof und Arie Troost gewesen sein.





