«BasellandSzene sind alle, die hier leben»

Regionalmedium Mit lustigen Videos erreicht ein regionaler Social-Media-Kanal Tausende

«BasellandSzene»: Moderator und Redaktor Miguel Libsig (l.) und Gründer Timon Sommer. Foto: L. Kwasny
«BasellandSzene»: Moderator und Redaktor Miguel Libsig (l.) und Gründer Timon Sommer. Foto: L. Kwasny

«Lieschtel Szene!», ruft ein junger Fahrradfahrer, während er an Timon Sommer und Miguel Libsig am Törli in der Altstadt von Liestal vorbeifährt. Sommer und Libsig lachen. Sie wissen genau, worauf der Jugendliche referiert: Auf ihren Social-Media-Kanal «BasellandSzene», der mittlerweile fast 11000 Followerinnen und Follower auf Instagram hat und sich selbst als grösstes Regionalmedium im Kanton Basel-Landschaft bezeichnet. Diese Begegnung ist ein lebendiges Beispiel dafür, wie bekannt der Kanal mittlerweile ist. Dabei erreicht er nicht nur junge Menschen: Mit witzigen Videos und seiner starken regionalen Verankerung spricht er Menschen allen Alters an. Damit stellt er eine grosse Frage dieser Zeit in den Raum: Lösen solche Formate gängige Medien wie die Zeitung ab?

Den Kanal gegründet hat Timon Sommer mit 19 Jahren. Der heute 21-Jährige brach seine Lehre im Betriebsunterhalt ab und setzte alles auf Social Media. Damals gehörte er damit zu den Ersten, wie er sagt, entsprechend hoch waren die Sorgen in seinem Umfeld, dass er damit keinen Erfolg haben könnte. Doch mit 18 gründete Sommer sein Unternehmen «VIRALLY», mit dem er heute verschiedene Social-Media-Kanäle betreibt, darunter jenen des bekannten Kinder-Musikprojekts «Schwiizergoofe». «BasellandSzene» begann als Herzensprojekt: Bei einem Besuch beklagte sich seine Grossmutter über die Zeitung, die immer teurer werde und weniger Inhalt biete als früher. Sommer merkte, dass er und Gleichaltrige ebenfalls kaum regionale Nachrichten konsumieren. Er wollte ein Angebot schaffen, das sie anspricht. Miguel Libsig (20) kam vor rund vier Monaten direkt nach der Matura als Praktikant dazu und ist mittlerweile Vollzeit für den Kanal zuständig.

Kanton als gemeinsamer Nenner

Mit dem Namen referiert «Baselland-Szene» auf einen in der Jugendsprache gängigen Begriff: Von den auf Duden aufgelisteten Bedeutungen kommt ihr «charakteristischer Bereich für bestimmte Aktivitäten» wohl am nächsten. Szene ist etwas, was typisch für einen Ort ist, manchmal auch etwas dumm oder unsinnig, aber auf jeden Fall auch cool. In den sozialen Medien gibt es mehrere Accounts mit ähnlichem Namen, etwa «Szene isch Basel» oder «Szene isch Züri». Diese teilen jedoch nur Dinge, die ihnen zugeschickt wird. «BasellandSzene» hingegen produziert eigene Videos. Sein Aufwand für ein Video würde meistens unterschätzt, sagt Libsig dazu.

Ursprünglich wollte Sommer junge Menschen zwischen 16 und 22 Jahren erreichen. Heute liegt das Durchschnittsalter der Followerinnen und Follower laut seinem Tracking bei 33 Jahren. Auch auf Facebook, das gerne als «Boomermedium» bezeichnet wird, hat der Kanal rund 2500 Followerinnen und Follower. «Es ist schön, dass sich ältere Menschen genauso dafür interessieren, was in der Region passiert», sagt Sommer. Was sich kaum messen lässt, ist, wie viele Menschen die Videos ausserhalb der Plattformen erreichen: Ein Freund seiner Grossmutter etwa habe ein Video in einem privaten Jägerchat gesehen und weitergeschickt. So erreichen die Videos auch Menschen, die überhaupt kein Social-Media-Konto haben.

Der Inhalt der Videos ist oft simpel, die Machart schnell und unterhaltsam. Die Videos heissen zum Beispiel «Bänkli bewärte in Ramlinsburg» oder «Bahnhof Frenkendorf-Füllinsdorf». Libsig bewertet Sitzbänke (schöne Aussicht und Schatten geben Pluspunkte), zählt auf, was es an Bahnhöfen zu sehen gibt (Gleise, eine Unterführung und einen Wasserhahn) oder lässt junge Menschen ihre Gemeinde und ihren Verein vorstellen. So wurden etwa der Turnverein Ziefen oder die Bauerinnen und Bauer der Chienbääse vorgestellt. Geld verdient das Unternehmen mit Werbung für Unternehmen. Die Videos aktivieren offenbar den Lokalpatriotismus der Menschen: In den Kommentaren häufen sich Aufforderungen, auch die eigene Gemeinde zu besuchen.

Die regionale Verbundenheit ist für die beiden mehr als ein Konzept. Sommer ist in Itingen und Frenkendorf aufgewachsen und in Sissach zur Schule gegangen. Heute wohnt er in Zürich und im Baselbiet, das für ihn Heimat bedeutet. «Ich schätze die Natur und die Menschen. Die Leute aus dem Oberbaselbiet sind alle mega nett und zuvorkommend», sagt er. Libsig kommt aus dem Unterbaselbiet. Er schätze die Nähe zur Stadt Basel, ohne direkt in der Stadt wohnen zu müssen.

Unter den Menschen, die «Baselland-Szene» in ihren Beiträgen markieren, sind auch Personen mit klaren politischen Positionen. Dazu gehört auch die ehemalige Präsidentin der JSVP Sarah Regez, die rechtsaussen politisiert. Sind Sommer und Libsig rechts? «Wir sind politisch neutral. Wir können nicht entscheiden, wer uns markiert», sagt Sommer. Jede Person und jedes Unternehmen aus dem Baselbiet könne den Kanal markieren. Daraus entstehe nicht automatisch eine Plattform für die betreffende Person. Die Betreiber selbst produzierten keine politischen Videos. Auch bei der regionalen Identität gehe es nicht darum, wer Schweizerin oder Schweizer sei. «BasellandSzene sind alle, die im Baselbiet leben oder von hier kommen», sagt Sommer.

Ergänzung statt Ersatz?

Und wie sehen die Köpfe hinter «BasellandSzene» die Zukunft der Medien? Braucht es noch Zeitungen, wenn ihr Content auf Social Media so viel mehr Zuschauerinnen und Zuschauer erreicht als die meisten Regionalmedien? Zum Vergleich: Die Oberbaselbieter Zeitung hat eine Auflage von rund 40000 Exemplaren, «BasellandSzene» erreichte im August gemäss eigenen Angaben rund 150000 Konten und generierte 1,23 Millionen Aufrufe. Sommer sieht den Kanal als Ergänzung: «Es braucht immer Verschiedenes, Fernsehen, Radio und neue Medien haben alle ihre Berechtigung.» «BasellandSzene» berichtet zwar auch über aktuelle Ereignisse: Beim Liestaler Stedtlilauf überlegte Libsig sich beispielsweise Fragen, die möglichst unterhaltsame Antworten hervorbringen sollten. Der Anspruch von Sommer und Libsig ist aber ein anderer als jener einer Zeitung: Sie wollen Menschen unterhalten und die Region aus einer ungewohnten Perspektive zeigen. «Medien sollen gute Recherche machen, wo man sich informieren kann. Ich bin froh, wenn es auch Journalistinnen und Journalisten gibt, die einen guten Artikel schreiben, wie man es kennt», sagt Libsig.

Was die Arbeit der beiden jedoch schwierig macht, ist die fehlende Regulierung von Plattformen in der Schweiz. So sei es kaum möglich, hier mit Social-Media-Inhalten seinen Lebensunterhalt zu verdienen, sagt Sommer. Während Netflix verpflichtet sei, einen Teil seiner Einnahmen in die Schweizer Kultur zu investieren, gebe es keine vergleichbaren Vorgaben für grosse Social-Media-Konzerne. «Es wird nicht ganz verstanden, wie wichtig Social Media für Kultur schon ist», sagt Sommer. Es brauche mehr Möglichkeiten, Schweizer Kulturschaffende und regionale Inhalte zu finanzieren, als bloss Werbung zu schalten.

Durch die fehlenden Einkommensmöglichkeiten gäbe es vergleichsweise weniger Schweizer Inhalte in den sozialen Medien. Aufgrund des fehlenden Angebots würden junge Menschen viele Inhalte aus den USA und anderen Ländern konsumieren. Ein Verbot sozialer Medien für junge Menschen, wie das aktuell aufgrund des hohen Suchtpotenzials auch in der Schweiz diskutiert wird, hält Sommer dagegen nicht für den richtigen Ansatz. Was fehle, sei vor allem digitale Bildung und die Vermittlung von Medienkompetenz. Libsig ergänzt, dass Menschen Social Media ohnehin konsumierten. Er wolle deshalb lieber Inhalte produzieren, die ihnen Freude bereiteten.

Für Sommer und Libsig steht die Unterhaltung im Vordergrund. Sie wollen Gemeinden, Vereine und Menschen aus der Region sichtbar machen. Ob eine Sitzbank mit schöner Aussicht oder ein Bahnhof mit wenig spektakulären Einrichtungen: Entscheidend ist, dass sich jemand darin wiedererkennt. Wenn ein Jugendlicher am Törli vorbeifährt und «Lieschtel Szene!» ruft, zeigt sich, dass aus dem Herzensprojekt längst ein gemeinsamer Bezugspunkt für Menschen im Baselbiet geworden ist.

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