Zwei Leben mit Elvis, eines im Eibach
Elvis-Fans aus der Region Wie der King of Rock Jacqueline Raphael und Lotty Rosa Zeugin begleitet
Wer Lotty Rosa Zeugin im Altersheim Eibach in Gelterkinden besucht, steht mitten in der Welt von Elvis Presley. Ihr Zimmer ist mit Bildern und Postern des King tapeziert, eines sogar aus Stoffapplikationen. Nur nach Graceland, seinem Anwesen in Memphis, hat sie es nie geschafft. Am Geld fehlte es immer, für die Reise ebenso wie für Schallplatten. Nun kommt ein Stück Graceland zu ihr nach Basel: Am 24. Oktober wird sie Priscilla Presley, die frühere Ehefrau von Elvis, im Hotel Hyperion kennenlernen. Lotty Rosa Zeugin wird im Publikum sein und ihr die Hand schütteln, in Begleitung von Marcella aus dem Aktivierungs-Team des Heims.
Angefangen hat es in einem Basler Tanz-Club, wo man ab Schallplatte Rock ‘n’ Roll tanzte. Die gebürtige Baslerin, Jahrgang 1942, hatte da schon einiges hinter sich: Die Eltern starben früh, sie wuchs in Heimen und bei einer Pflegefamilie auf, eine Lehre durfte sie nicht machen. Ins Oberbaselbiet kam sie, weil ihr Mann in Sissach eine Stelle fand. Später kamen die Scheidung und der Tod eines ihrer beiden Söhne. Durch all das habe ihr jeweils immer Elvis mit seiner wunderschönen Stimme und Musik geholfen, sagt sie.
Auf Priscilla Presley freut sie sich sehr. Etwas Spezielles anziehen wird sie nicht, sie gehe «ganz normal». Und wenn Elvis zur Tür hereinkäme? Eine Frage hätte sie nicht. Sie würde ihm einfach nur sagen wollen, wie sehr sie ihn und seine Musik liebt und verehrt.
Mystery Train
Dass Priscilla Presley nach Basel kommt, ist Jacqueline Raphael zu verdanken. Seit über dreissig Jahren hält die Präsidentin des Elvis Show Fan Club das Andenken an Elvis wach. Als sie ein junger Teenager war, stand ihr Radiowecker auf 6.10 Uhr.
Wenn das Gerät ansprang, lief ein Lied von Elvis Presley. Jeden Morgen, erzählt sie. «Das ist nicht normal», sagt sie heute. Man kann das für Zufall halten. Jacqueline Raphael tut es nicht.
Wer sie in Füllinsdorf besucht, wo sie seit dem 1. Januar wohnt, kommt nicht weit, bevor die Geschichte beginnt. Schon im Treppenhaus hängen zahlreiche Erinnerungsfotos, und zu jedem weiss sie etwas zu erzählen. Oben angekommen, ist klar: Diese Frau hat Elvis nicht einfach gesammelt. Sie ist ihm nachgereist.
Follow That Dream
Geboren 1963 in Basel, bleibt sie nach der Scheidung der Eltern beim Vater. Die Mutter wandert nach Amerika aus, die Tochter reist fast jedes Jahr in den Ferien hinüber. Auf einer mehrtägigen Autofahrt von New York nach Florida lässt der Stiefvater Musik laufen. Nach zwei Tagen sagt das Mädchen: «Das sind aber tolle Bands, die du da abspielst!» Der Stiefvater: «Bands? Das ist einer! Das ist alles Elvis gewesen!» «Da habe ich gewusst: Ich bin Elvis-Fan», sagt sie. «Wirklich nur durch die Musik.»
Heartbreak Hotel
Am 16. August 1977 stirbt Elvis, mit 42 Jahren. Jacqueline ist vierzehn. Am Morgen danach fehlt zu Hause die Zeitung. Der Bruder hat sie versteckt, niemand in der grossen Familie wagt, es ihr zu sagen. Sie erfährt es auf dem Schulweg. «Katastrophal» sei das gewesen. Daheim nimmt sie auf Kassette auf, was Radio und Fernsehen berichten: «Ich hatte Angst, man werde nie mehr etwas von Elvis hören.»
Was sie nie vergessen hat, ist der Schultag danach. Die Kinder bringen ihr mit, was sie daheim gefunden haben: T-Shirts, Schallplatten, Zeitschriften. «Das ist das Herzigste, was ich je erlebt habe.» Fortan trägt sie an jedem 16. August Schwarz und darunter etwas Pinkes: die Farben von Elvis.
That’s All Right
Englisch lernt sie, indem sie seine Lieder Wort für Wort in ein Heft übersetzt. Sein Leben erzählt sie heute ohne Notizen, so wie andere von der eigenen Verwandtschaft erzählen. Von der Hütte mit zwei Räumen in Tupelo, Mississippi, wo die Familie «mausarm» war. Vom Elfjährigen, der im Laden ein Gewehr will und tobt, bis ihm der Verkäufer zur Ablenkung eine Gitarre zeigt. Vom jungen Lastwagenfahrer, der 1954 in einer Studiopause Blödsinn macht und «That’s All Right» auf seine Art singt. «Und das hat gefetzt!»
Ein Satz fällt dabei, der auch etwas über die Erzählerin sagt: «Er hat nie vergessen, woher er gekommen ist.»
Welcome to My World
Im Mai 1992 fliegt sie allein nach Memphis. Als sie Graceland betritt, das Haus, vor dem sonst die Touristen Schlange stehen, ist sie allein. Die Tür geht zu, rund eine Viertelstunde lang kommt niemand nach. Später weint sie an seinem Grab.
Weil sie aber, wie sie sagt, «halt eine Macherin» ist, fragt sie sich zum Büro durch: Sie wolle in der Schweiz einen Fanclub gründen. Man nimmt sich Zeit für sie und beschenkt sie. «Mir sind auf dieser Reise alle Türen aufgemacht worden.» Erklären kann sie es nicht. «It was meant to be.» Sie zieht daraus einen praktischen Schluss: «Wenn für mich die Türen einfach aufgehen, dann bringe ich die Leute hierhin.»
Don’t Be Cruel
Am Anfang des Fanclubs steht Ärger. Nach dem Tod von Elvis las sie fast nur noch, er sei krank gewesen und dick. «Dass man seine Kunst nicht genug würdigt, das hat mich einfach genervt.» Also organisiert sie Shows mit Elvis-Interpreten, in der Stadt und auf dem Land. Am 8. Januar 1993, dem Geburtstag von Elvis, wird in Basel der Elvis Show Fan Club gegründet. Seither führt sie Reisegruppen nach Memphis, Nashville und Tupelo. Gut dreissigmal war sie dort. Und sie holt jene in die Schweiz, die Elvis noch gekannt haben. Mit dem Wiener Sänger Dennis Jale brachte sie seine Begleitband, die TCB Band, nach Zürich und Basel, dazu die Imperials um Terry Blackwood, die einst hinter ihm sangen, und seine Cousine Donna Presley. «Egal, wen ich will, ich habe immer alle einladen können.» Man schätze sich gegenseitig, sagt sie. Aber die Zeitzeugen werden weniger.
You’ll Never Walk Alone
2009 kann sie sich wegen kaputter Bandscheiben vom Hals abwärts nicht mehr bewegen. Die Ärzte sagen, sie müsse sich mit dem Rollstuhl abfinden. Sie sagt: «Das wird wieder!» Sie kämpft, hört Musik, betet, wird operiert und verlässt die Klinik zu Fuss. Seither weiss sie: «Musik hilft beim Heilen.»
Ans Aufhören hat sie auch schon gedacht. Ein Fanclub werde im Internetzeitalter weniger gebraucht, sagt sie offen. Sie macht weiter, weil Musik Menschen zusammenbringe, gleich welcher Hautfarbe, welchen Alters, welcher Religion. «Das ist einfach etwas Friedenstiftendes.» Eine «Insel» will sie den Leuten geben, mit Karaoke, Quiz und Geschichten, künftig auch bei ihr in Füllinsdorf. Rund 50 Mitglieder zählt der Club, das älteste ist Sonja, 95 – ebenfalls aus der Oberbaselbiet.
Always on My Mind
Wenn Jacqueline Raphael von Priscilla Presley erzählt, beginnt sie bei einem Mädchen: vierzehn Jahre alt, der Vater als US-Offizier in Wiesbaden stationiert, als jemand fragt, ob es Elvis kennenlernen wolle. Später die Ehe, die Tochter, die Einsamkeit zu Hause. «Sie hat einfach nur Liebe von ihm gewollt.» Und eine Scheidung, nach der beide das Gericht Hand in Hand verlassen.
Am 24. Oktober kommt diese Frau nun nach Basel, auf Einladung von Jacqueline Raphael. Kennengelernt haben sie sich vor zehn Jahren auf einer Elvis-Kreuzfahrt. Beim dritten Wiedersehen hielt Raphael ihr das Buch über ihre Jahre mit Elvis hin. Priscilla wollte nicht signieren. «Schau dir das Buch an», habe sie da gesagt. «Es ist voller Tränen, ich habe da hineingeheult wie verrückt.» Priscilla machte eine Ausnahme.
Seither bringt Raphael sie zum Lachen, einmal bis zu den Tränen. «Ich hatte das Gefühl: Die Frau will Spass haben.» In der Talkshow wird sie die Fragen selber stellen. «Wir sind so, wie wir sind. Wenn ich ein Wort nicht weiss, dann weiss ich es halt nicht.»
If I Can Dream
Lotty Rosa Zeugin hätte keine Frage an Elvis, käme er zur Tür herein. Und Jacqueline Raphael? Bei ihr wäre es eine Bitte: «Sing mir etwas, so wie wenn du jetzt eine Aufnahme machen würdest.» Denn: «Wenn Elvis jeweils sang, dann war er irgendwo anders.»
Und welches Lied legt sie jemandem ans Herz, der mit Elvis nichts am Hut hat? «Im Moment wäre das bitte ‹If I Can Dream›.» Elvis sang es 1968, im Jahr, in dem Martin Luther King in Memphis umgebracht wurde. «Eigentlich ein Protestsong», sagt sie. Sie will das Lied gleich vorspielen. Die Technik streikt. «Das ist wiedermal typisch.» Für einmal lässt Elvis auf sich warten. Um 6.10 Uhr, damals als sie Teenager war, spielte er zuverlässiger.










