«Es zieht mi zrugg ins Stedli!»

Liestal Szenische Lesung mit Stadtführung: «Carl Spitteler rennt durch die Kanonengasse» 

Carl Spitteler (alias Thomas Schweizer), Nachwächter Lorenz Degen und Musiker Willy Kenz in der Kanonengasse.Fotos: M. Schaffner

Wenn man die Texte des Liestaler Literaturnobelpreisträgers Carl Spitteler still für sich liest, ist es schwierig, den Zugang zu ihnen zu finden. Zu gross sind die Unterschiede zwischen der damaligen und der heutigen Zeit. Ganz anders ist es jedoch, wenn man mitten im Stedtli steht und den Dichter persönlich reden hört.

Persönlich? Ja, wirklich, oder fast. Die Frenken-Bühne liess den vor 100 Jahren verstorbenen Carl Spitteler letzte Woche wieder auferstehen. An drei Abenden führten sie eine szenische Lesung durch, die zugleich ein Rundgang zu den wichtigen Orten in Spittelers Geburtsstadt war. Die Vorstellung begann dramatisch, als die laute Stimme des Nachtwächters – zugegeben, elektronisch verstärkt – über den Törliplatz schallte. Der mit Helm und Hellebarde bewehrte Amtsträger (gespielt von Lorenz Degen) sinnierte darüber, was sich in den letzten 100 Jahren in Liestal alles verändert hatte. «Das Törli und das Rathaus stehen immer noch am gleichen Ort», versicherte er dem schwarz gekleideten Dichter (gespielt von Thomas Schweizer), der sich von Weitem näherte. Dass der Platz vor dem Törli heute nicht mehr «Wasserturmplatz» heisst, konnte dieser nicht ganz begreifen, und vom Café Mühleisen hatte er noch nie gehört.

Mitsamt Publikum machten Dichter und Nachtwächter sodann einige Schritte zum Stedtli hinaus, bis sie vor Carl Spittelers Elternhaus angelangt waren. Gegenüber, an der Fassade des Restaurant Alte Braue, das Spittelers Geburtshaus ist, prangt eine Gedenkplakette. Carl Spitteler hat nicht nur schöne Erinnerungen an diesen Ort: Als er dort als Kind eine Schweineschlachtung miterlebte, rannte er so weit weg, wie er konnte. Glücklicherweise bereits, als das Schwein auf die Schlachtbank gezerrt wurde, sodass den heutigen Leser/-innen eine allzu blutige Schilderung erspart bleibt. Die modernen Klänge, die der dritte Darsteller (Willy Kenz) mit seinem Saxofon hervorzauberte, brachten den wiederauferstandenen Spitteler anschliessend wieder auf positivere Gedanken. Ungeduldig verkündete er: «Es zieht mi zrugg ins Stedli!»

Aber nicht so schnell! Zuerst wollte der Nachtwächter, da man sich ja in der Nähe der Kaserne befand, ein bisschen über das damalige Militär reden. So kam das Publikum in den Genuss einer Anekdote über einen Oberst Sulzberger, dessen Zweispitz Spitteler manchmal aufsetzen durfte. Dass Spitteler den Hut einmal aus Übermut ins Wasser warf, tat der guten Beziehung zwischen den beiden keinen Abbruch. Diesem Oberst Sulzberger verdankte Spitteler die Möglichkeit, für einige Jahre nach Russland zu gehen, was er damals als Befreiung empfand.

Aber Spitteler alias Schweizer war nicht mehr zu halten, und so bekam das Publikum mit, warum die Veranstaltung den Titel «Carl Spitteler rennt durch die Kanonengasse» angekündigt worden war. Der sportliche Schauspieler düste nämlich im Frack und Zylinder die Gasse hinunter, während der Nachtwächter noch am Reden war. Das Ziel seines Sprints war das Pfarrhaus Widmann: In die Pfarrerstochter war Spitteler einst verliebt und die Kammermusikkonzerte am Sonntagnachmittag waren immer ein Höhepunkt. Allerdings heiratete die Angebetete, die ihn «dolce Carlo» nannte, später einen Anderen.

Eine lustige Anekdote gab es in der Rathausstrasse zu hören. Als sich Spitteler an der Fasnacht als Mädchen verkleidete, sorgte das für einige Erregung in der Damenwelt. Einer Bäckermeistertochter gefielt seine Aufmachung so gut, dass sie ihm eine Liebesbotschaft zukommen liess. Spitteler war jedoch nicht interessiert – er hatte Angst, dass es Strafaufgaben absetzen würde, wenn der Lehrer davon erfahren würde.

Der unterhaltsame Rundgang endete vor der Stadtkirche, wo sich Spitteler nochmals an Pfarrer Widmann erinnerte. Dieser half ihm nicht nur, einen Verlag zu finden, sondern ermutigte ihn auch, mit dem Dichten weiterzumachen. Mit ihren szenischen Lesungen will Frenken-Bühne die Werke unserer einheimischen Autor/-innen den Leuten näher bringen. Mit der Spitteler-Führung von letzter Woche ist ihr das ausgezeichnet gelungen.

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