Maradona sprach aus dem Himmel
Elefantehuus Fesselnde Lesung von Pedro Lenz mit stimmiger Musik-Begleitung von Simon Ho

Eric Rütsche begrüsste mit Schwung das Publikum in «seinem» Elefantenhaus der Elektra Baselland. Keyboarder Simon Ho (Hostettler) startete musikalisch und leitete den Auftritt von Pedro Lenz ein, einen der wichtigsten zeitgenössischen Mundart-Autoren der Schweiz, der die Brücke zwischen Literatur und Bühne/Spoken Word schlägt. Der grossgewachsene, schlanke Schriftsteller füllte die Bühne mit seiner schlichten, empathischen und überzeugenden Lesung aus seinem Buch über Diego Armando Maradona mit dem Titel «Mit Linggs». Da es sehr viele Biografien über Maradona gibt, lässt Pedro Lenz ihn als Diego im Buch in Mundart selbst reden und auf sich zurückblicken.
Der Aufstieg von Diego Armando Maradona
Diego kam 1960 in Buenos Aires auf die Welt, in eine arme Welt ohne Strom und fliessendes Wasser, ohne Perspektive. Er war das fünfte von acht Kindern, der erste Bub nach vier Mädchen. Im Quartier wurde er «Schwarzköpfli» genannt, eine Bezeichnung, die seinen Platz in der Gesellschaft abschätzig definierte. Er hatte damit schlechte Karten und Startbedingungen für das Leben, aber er hatte einen guten linken Fuss. Bald folgte der Ball Diego, er konnte alles damit machen, mit dem Ball am Fuss fand er die innere Zufriedenheit. Der Ball war sein Türöffner, Zauberstab und bester Freund, von Anfang bis zuletzt. Mit 15 wurde er Profi, mit 16 spielte er bereits in der ersten Mannschaft der Argentinos Juniors in La Paternal, einem Stadtteil im Zentrum von Buenos Aires. Mit dem Ball am Fuss wurde er nun als «Goldbub» gefeiert.
Für eine Stunde waren die ärmsten Menschen die Reichsten
Er resümierte, dass seine goldene Jugendzeit von der grausamen Militärdiktatur Argentiniens begleitet wurde. Er spielte, während die Diktatur mordete und gab zu, dass sie damals als Fussballer einfach geschwiegen hatten. Sie haben am gleichen Ort gelebt, waren aber in einer anderen Welt. Diego war auf dem Fussballplatz für viele Menschen der Stern am Himmel, der das Stadion beben liess und etwas Hoffnung versprühte. Wenn Maradona gewann, hat jeweils ebenso auch irgendein arbeitsloser Argentinier ein bisschen gewonnen.
1981 wechselte Diego zu Boca Juniors in ein anderes Quartier, von rot/weiss zu gold/blau, ins Quartier der Hafenbuezer. Dort wurde er der beste Fussballer der Welt, mit den heissblütigsten Fans der Welt.
Nachdem die Generäle ihn endlich ins Ausland gehen liessen, wechselte er zum FC Barcelona nach Europa. Dieser Verein war mehr als nur ein Club, mit dem Maradona nie richtig warm wurde. Der FC Barcelona hatte eine weisse Linie bei Diego hinterlassen, nämlich die weisse Kokainlinie.
Sein Weg führte ihn weiter zum SSC Neapel, wo das Trikot die gleiche Farbe wie der Himmel hatte. Napoli und Maradona, das war eine Symbiose. Er brachte seine Mitspieler dazu, immer auf ihn zu spielen und so waren das seine besten Jahre mit dem zweimaligen Gewinn der Italienischen Meisterschaft.
Diego war nun ein trauriger, kranker Mann
Er lag im November 2020 in einem alten Haus, seinem letzten Platz zum Leben, allein daheim. Das Alleinsein sah er als Bedrohung. Er war gerade erst 60 Jahre alt und hatte viel erlebt.
Er legte Wert darauf, dass er trotz Kokain der beste Fussballer war und nicht wegen des Konsums. Er war kein Betrüger, sondern ein Drogen-Süchtiger. Er wurde positiv getestet und 15 Monate gesperrt. Das war die Höchststrafe! Er ging heim nach Buenos Aires, in seine Stadt, in die Stadt der Sehnsucht, der Melancholie.
Während vielen Jahren hatte Maradona die Welt mit seinem Spiel verzaubert. Den früher so unbeschwerten Maradona gab es plötzlich nicht mehr. Es war nicht mehr leicht, der Diego zu sein, der nie Ruhe haben durfte. Er wollte nur noch Fussball spielen, auf dem Platz war alles gut, daneben nicht mehr. Der Kopf wusste noch, wie es geht, die Beine trugen ihn schliesslich nicht mehr zum Ball. Nach 350 Spielen trat Maradona 1997 zurück. Er hatte alles erreicht. Es fühlte sich schon etwas so an, als ob er gestorben war, als er nicht mehr spielen konnte.
Er erkrankte an Cardiomyopathie, sein Herzmuskel hatte nur noch 38 Prozent Leistungsvermögen. Im Buch spricht Diego noch aus dem Himmel: Er gibt zu, Fehler mit den Drogen, in der Beziehung gemacht und falsche Freunde gehabt zu haben. Dennoch blieb er immer gleich, der Bub der in der Welt überall Spuren hinterlassen hat und er würde alles noch einmal gleich tun.
Simon Ho am Keyboard war stets in sein Instrument und die musikalische Entwicklung, passend zum gelesenen Text, vertieft, hob den Kopf nur selten und wenn ein Notenblatt fertig gespielt war, liess er es links neben sich zu Boden sinken. Pedro Lenz zog den Bann der Zuhörenden auf seine spannend aufbereiteten Worte. Maradona hat den Menschen so viel Freude gemacht, in kurzen Hosen, mit seinem Leibchen und mit dem Lederball am linken Fuss. Diego war ein Visionär, ein Zauberer, der mit dem Ball alles machen konnte, weil der Ball ein Teil von ihm war, wie ein gut dressierter Hund, jeder Spielzug war ein Gedicht, eine Komposition, es war Magie, die die Menschen verzauberte.
Genau diese Stimmung und die eigene, von Diego erhaltene, künstlerische Inspiration brachten die beiden Künstler eindrucksvoll auf die Bühne in Liestal.


