Baselbiet arbeitet Kolonialismus auf
Untersuchungsbericht Koloniale Verflechtungen: Bericht schafft Grundlage für eine öffentliche Diskussion

Dass der aus einer Rünenberger Familie stammende Johann August Sutter in Kalifornien indigene Menschen versklavte, ist – auch im Baselbiet – schon vor Jahren breit diskutiert worden. Er ist aber weitaus nicht das einzige, und auch nicht das typischste Beispiel für «koloniale Verflechtungen» des Kantons Baselland vom 18. bis ins 20. Jahrhundert. Der soeben erschienene Bericht «Koloniale Vergangenheit von Baselbieter Persönlichkeiten» listet rund 300 Personen auf, die in kolonialisierten Teilen der Welt tätig waren. Sie stammen aus verschiedensten sozialen Schichten und übten eine grosse Bandbreite von Aktivitäten aus: Einige waren Kaufleute oder Plantagenmanager, viele waren Siedler/-innen, andere betätigten sich als Missionar/-innen, Lehrer/-innen, Wissenschaftler/-innen oder auch als Söldner.
Und es gab auch Baselbieter, die direkt in den Handel mit Versklavten involviert waren, etwa der Liestaler Daniel Rosenmund-Berri (1811–1869). Für ein europäisches Handelshaus in Brasilien war das zwar nicht besonders aussergewöhnlich. Trotzdem überrascht der Befund, denn in den späten 1850er-Jahren war der Handel mit Versklavten bereits international geächtet. «Es war bisher nicht bekannt, dass Schweizer am späten Sklavenhandel beteiligt waren, als er schon verboten war – das wirft sicher Fragen auf», kommentierte Andreas Zangger, der Verfasser des Berichts, an der Medienkonferenz von vergangener Woche im Staatsarchiv in Liestal.
Ein Missionar, der wegschaute
Der Untersuchungsbericht war vom Regierungs- und Landrat mit einem Kreditrahmen von 100 000 Franken in Auftrag gegeben worden, angestossen hatte den Prozess ein Postulat von Landrat Jan Kirchmayr. Der Historiker Andreas Zangger und seine Mitarbeitenden Silvia Stamm-Flubacher und Martin Roth haben in der Folge das Verhältnis des Baselbiets zum Kolonialismus systematisch aufgearbeitet.
Ans Tageslicht kam beispielsweise, was Samuel Hoch (1780–1849), Sohn des Liestaler Regierungsrats Wilhelm Hoch, als Missionar in der Karibik erlebte. In einem Brief beschreibt er, wie er bei der Misshandlung von Versklavten intervenieren wollte, aber durch ältere Missionare zum «Wegschauen» aufgefordert wurde. Ein interessanter Fall ist Adolf Spitteler (1846–1940), der Bruder des Liestaler Nobelpreisträgers Carl Spitteler. Als Kaufmann vorübergehend in Indien tätig, gründete er dort eine Familie, die er aber zuhause verschwieg. «Was sagt das übers Baselbiet in dieser Zeit?», war eine der rhetorischen Fragen, die Andreas Zangger an der Medienkonferenz stellte. Auf wertende Antworten verzichtet der Bericht jedoch bewusst: Er macht die Fakten zugänglich – für weitere Studien, für die öffentliche Diskussion und für die Vermittlung, etwa in Schulen und Museen.
Die Ausführungen des Autors wurden umrahmt durch die Staatsarchivarin Jeannette Rauschert in ihrer Rolle als Auftraggeberin und durch Roberto Zaugg, den Präsidenten der Begleitkommission: Sie waren darauf bedacht, die rohen Fakten des Berichts in den grösseren historischen und politischen Kontext einzubetten.
«Der junge Kanton Baselland im 19. Jahrhundert muss sich seine eigene Geschichte schreiben, um seine Unabhängigkeit zu legitimieren und braucht seine Helden», erläuterte Roberto Zaugg. So wurde General Sutter, dessen mythische Verklärung inzwischen ins rechte Licht gerückt worden ist, zur Baselbieter Identifikationsfigur.
Der vorliegende Untersuchungsbericht geht noch einen Schritt weiter als die Sutter-Kritik, denn er zeigt, dass es sich nicht nur um anekdotische Einzelfälle handelte. Dass Baselbieter/-innen in einem kolonialen Kontext tätig waren, sei ein breit gefächertes und weit verbreitetes Phänomen, so Zaugg.
Wie es scheint, war das Baselbiet aus wirtschaftlicher Sicht nicht besonders abhängig vom kolonialen Nexus – seine Seidenband-Industrie war, anders als etwa die Glarner Textilindustrie, nicht auf Kolonialmärkte ausgerichtet. Umso überraschender ist, wie der Bericht feststellt, wie vielfältig die Verflechtungen sind. Bei vielen der Persönlichkeiten handelt es sich schlicht um Migrant/-innen. Wer vom Kolonialismus und seiner Ausbeutung von Natur und Bevölkerung profitiert hat, war ebenfalls sehr unterschiedlich: die Reicheren mehr als die Ärmeren. Eindrücklich findet Roberto Zaugg jedenfalls, dass die globale Dynamik des Kolonialismus bis ins rurale Baselbiet wirkte.
Zu Kontinuitäten bis heute äussert sich der Bericht nicht oder kaum, abgesehen von der medialen und pädagogischen Vermittlung. Und auch hier stellt er keine Forderungen, sondern zeigt lediglich Handlungsoptionen auf, vom Stadtrundgang über eine Ausstellung im Museum.BL bis zu neuen Lehrmitteln – die bisherigen Schulbücher decken zwar den europäischen Kolonialismus ab, die Verflechtung der Schweiz wird jedoch nicht thematisiert.
Der 149-seitige Bericht kann hier heruntergeladen werden: www.baselland.ch/politik-und-behorden/besondere-behoerden/landeskanzlei/staatsarchiv


