Die Törliuhr und der liebe Gott
Liestal Am Fasnachtsgottesdienst wird das lokale Sujet als biblische Botschaft thematisiert

Die im vergangenen Jahr während Monaten stillstehende Uhr am Liestaler Törli ist zwar durch eine technische Panne begründet, wurde aber im Stedtli allmählich zum Gespött. Für Denise Steiner als Plakettenkünstlerin war es in der Folge ein gefundenes Fressen zum diesjährigen Fasnachtssujet: «D’ Zyt stoht still». Dass diese eigentlich azyklische Meinung der stillstehenden Zeit für Pfarrer Andreas Stooss nun ein thematischer Steilpass zum Fasnachtsgottesdienst wurde, reflektiert denn auch die starke Symbolik dieses «Innehaltens» und steht in mehreren biblischen Kontexten, die sich als Lebensweisheiten wie ein roter Faden durch seine Predigt ziehen.
Doch alles der Reihe nach. Andächtige Stille am Sonntagmorgen in der gut besetzten Kirche. Rund 30 kunterbunt gekleidete Pfeifer und Trommler der Goldbrunnen- und Excalibur-Clique und aus befreundeten Basler Cliquen formieren sich im gotischen Chorraum. Dann tönt’s «Dudelsagg vorwärts Marsch!» Die Festgemeinde ist ergriffen von diesen Klängen, bekommt Gänsehaut, Herzklopfen und die richtigen Fasnächtler sogar etwas feuchte Augen. Dieser Klassiker hat eine sinnliche Tiefe, wie sie nur in einem so besonderen Raum zum Ausdruck kommen kann und dabei einen wohltuenden Fasnachts-Groove erzeugt, losgelöst vom sonst üblichen Ramba-Zamba. Musikalische Feinkost mit demselben Effekt auch beim «Yankee», wo Organist Benedikt Schwarz von der Empore herab die rhythmischen Schönheiten im Zusammenspiel zwischen Orgel und Piccolos als ergreifende Symbiose aufzeigte. Auch da, Gänsehaut und akustischer Genuss pur.
Im Alltag mal bewusst anhalten
Pfarrer Stooss ist es an diesem Gottesdienst eindrücklich gelungen, die etwas puritanische Auffassung von sündiger Fasnacht mit dem Hinweis auf die christlichen Werte, auf denen dieses Brauchtum basiert, zu widerlegen. So sei eben auch das fasnächtliche Treiben in der Kirche Ausdruck von gottgewollter Lebensfreude, die dem Start in die närrische Zeit eine gewisse Spiritualität verleiht. Der protestantische Kirchenmann sieht denn auch im Sujet «D’ Zyt stoht still» den durchaus fasnächtlichen Seitenhieb, leitet daraus aber einen tiefsinnigen Bezug zur Bibel ab. Ob der liebe Gott bei der stillstehenden Törliuhr die Hände im Spiel hatte, weiss natürlich niemand. Dass er aber in unserem Leben übergeordnet den Takt vorgibt, steht im biblischen Psalm 31,6: «Meine Zeit steht in deinen Händen.» So die Betrachtung von Pfarrer Stooss in der Predigt zum Thema Zeit und Innehalten. Seine weitere Konklusion: «Manchmal muss die Zeit sozusagen stehen bleiben, um zu merken, wer wir sind und wo wir stehen.» Und wenn die Zeit stillsteht, so seine Erkenntnis aus dem Liestaler Fasnachtssujet, würde Raum für Begegnungen, Freude und Perspektiven entstehen.
Mit dem Stedtli-Gloon stand sodann ein kritischer Zeitgenosse am Mikrofon, der das Fasnachtssujet als Rundumschlag humorvoll «abhandelte». So etwa das Gschtürm um die Zeit, das er fürs Rathaus durchaus positiv sieht: «Au bi dr Stadt wäre si mängisch froh, wenn d’ Zyt nit so schnäll wurd vorwärts goh.» Zum US-Präsidenten meint er: «Wie schön wär’s doch, wenn das wurd goh, D’ Zyt stoht still und dr Trump wär nümme do.» Unterdessen ist die Törliuhr repariert, die Zeit läuft weiter, Fasnacht kann kommen!


