Musikalische weibliche Selbstbehauptung
Liestal Baselbieter Konzerte mit Shira Patchornik, Sopran; Els Biesemans, Klavier; CHAARTS chamber artists
Das Thema des 4. Baselbieter Konzerts am 6. Januar lautete «Bella Furia». «Furia» kann Wut, Raserei, Eile oder auch Furie heissen. Seit Generationen haben Frauen Grund, wütend, verzweifelt oder eifersüchtig zu sein. «Bella Furia» stellt die Opern-Furie in den Mittelpunkt: Frauen fordern ihre Würde ein und behaupten sich in wunderbaren Opernarien.
Zuerst aber erklang das Konzert für Cembalo in C-Dur von Carl Philipp Emanuel Bach mit den CHAARTS und Els Biesemans am historisch orientierten Hammerklavier. Das Allegro assai dieses Werks im empfindsamen Stil ist affektgeladen und lebt von abrupten Stimmungswechseln. Der Dialog von Soloinstrument und Orchester ist kontrastreich und dramatisch. Biesemans spielte virtuos, mit filigraner Feinzeichnung, stilistisch klar und arbeitete die dynamischen Kontraste nuanciert heraus. Das Zusammenspiel mit dem überschaubaren agilen und präzisen Orchester machte ihr sichtbaren Spass. Hier erlebte man den Schritt zur Subjektivität der Klassik.
Der zweite Teil begann wieder mit einem Instrumentalstück, dem 2. Klavierkonzert B-Dur von Ludwig van Beethoven. Das Publikum konnte das Werk so erleben, wie es zur Zeit des Komponisten getönt haben muss. Durch die Einfachbesetzung der zehn Begleitenden wirkte es fast kammermusikalisch. Das Hammerklavier hat einen weicheren, kürzer klingenden Ton, und Beethovens humorvolle Akzente und Dialoge kamen dadurch und durch die Bravour von Biesemans Spiel so gut zum Ausdruck. Vom heiter-eleganten Allegro con brio ging es zum gesanglich-lyrischen Adagio mit seiner verdichteten Emotionalität bis hin zum spritzigen und humorvollen Rondo allegro molto.
Panoptikum der Gefühle
Der Hauptteil des Abends gehörte der Koloratursopranistin Shira Patchornik, die mit ihrer lyrischen, glänzenden und beweglichen Stimme das Publikum begeisterte. Sie verkörperte jede der Frauenfiguren gestisch und mimisch glaubwürdig. Die Baronessa in «La vera costanza» von Haydn hebt ihre Stimme in gefasster Grösse: «Non s’innalza» ist die Redekunst kontrollierter Empörung. In Niccolò Piccinnis «Dove sono i bei momenti» ist die schmerzhafte Rückschau Auslöser der Wut. Den leisen Ton des Widerstands schlägt die Gräfin aus «Le nozze di Figaro» von Mozart in der Arie «Al desio di chi t’adoro» an. Hier brillierte Patchornik mit elegant gestalteten Koloraturen. Buffonesk-lebendig und scharfkantig wird der Gesang der Dienstmagd Livietta in Piccinnis «Ah, ceffaccio d’assassino» aus der Oper «La serva onorata». Antonio Salieris Arie «Or ei con Ernestina …» aus «La scuola de’ gelosi» ist eine Charakterstudie der Eifersucht und deren Entwicklung zum Ruf: «… und schöne Tage der Ruhe sollen mein Leid entschädigen.» In der neckischen Arie «Stizzino, mio Stizzino» von Giovanni Paisiello wird aus dem kleinen Schmollkopf plötzlich ein «Stizzone», ein veritabler Grollkopf. Höhepunkt war Piccinnis Arie «Furie di donna irata», ein hitziges Statement der beleidigten Marchesa aus «La buona figliula». Nach langem Applaus gab es als Zugabe «Armatae face …» aus Vivaldis Oratorium «Juditha triumphans».






