«Aber das Komische ist, warum ist hier nichts?»

Waldenburg Das Theaterprojekt «Countryside 1» thematisierte Kunst, Kultur und Veränderung im ländlichen Raum

Performerin Jasmin Gloor beschäftigte sich mit der Geschichte der «Revue».

Performerin Jasmin Gloor beschäftigte sich mit der Geschichte der «Revue».

Die «Revue Thommen»: ein zerfallendes Industriedenkmal, das von der Natur zurückerobert wird und gelegentlich als Kulturort wieder auflebt.

Die «Revue Thommen»: ein zerfallendes Industriedenkmal, das von der Natur zurückerobert wird und gelegentlich als Kulturort wieder auflebt.

Regisseur Maximilian Hanisch erzählte den Parcours-Teilnehmenden beim oberen Stadttor die Legende von der «Hand von Waldenburg».

Regisseur Maximilian Hanisch erzählte den Parcours-Teilnehmenden beim oberen Stadttor die Legende von der «Hand von Waldenburg».

Arielle Frey aus New York findet Waldenburg den schönsten Ort, den sie je gesehen hat.

Arielle Frey aus New York findet Waldenburg den schönsten Ort, den sie je gesehen hat.

Wald, Wiesen, Felsen und Burg: kulturaffine Basler/-innen unterwegs in der Baselbieter Landschaft. Fotos: M. Schaffner

Wald, Wiesen, Felsen und Burg: kulturaffine Basler/-innen unterwegs in der Baselbieter Landschaft. Fotos: M. Schaffner

Dass Ausflügler/-innen aus Basel gleich postkutschenweise, oder moderner ausgedrückt: carweise, nach Waldenburg gekarrt werden, und das an drei Tagen hintereinander, hat das Stedtli wohl seit der Hochzeit des «Fremdenverkehrs» im 19. und frühen 20. Jahrhunderts nicht mehr erlebt. Ein bisschen von diesem Flair kam vergangenes Wochenende auf: Das Theaterprojekt «Countryside 1 – Waldenburg» brachte dem Basler Publikum eine vielleicht unbekannte Gegend näher und machte – auch für die Einheimischen – sichtbar, wie viel Spannendes am oberen Ende des Waldenburgertals gesellschaftlich und kulturell geleistet wird.

Der «Roadtrip» nach Waldenburg begann am Freitag, Samstag und Sonntag jeweils um 16 Uhr bei der Kaserne Basel, erst am späten Abend ging es wieder heimwärts. Dazwischen wurde die Teilnehmenden auf einen zweieinhalbstündigen Parcours geschickt (wobei sie zwischen drei verschiedenen Routen wählen durften), danach beim Wasserfall hinter der ehemaligen Uhrenfabrik «Revue Thommen» an einer langen Tafel durch das Restaurant Schlüssel verköstigt, bevor sie im Fabrikgebäude eine Inszenierung zu sehen bekamen.

Das Schöne an dieser aufwendigen, durch mehrere Stiftungen und den Swisslos Fonds finanzierten Mammutveranstaltung war, dass sie nicht etwa einen «touristischen» Aussenblick auf Waldenburg warf, sondern die Bevölkerung und Kulturschaffenden vor Ort einbezog.

Der Kopf hinter dem Projekt, Regisseur Maximilian Hanisch, war über Monate hinweg immer wieder in Waldenburg und knüpfte viele Kontakte – so kam es, dass neben der Kaserne Basel und der Hochschule für Gestaltung und Kunst Basel FHNW auch der Kulturraum Waldenburg «Wolbrg» als Kooperationspartner mitmachte. Auch der Verein «Waldenburg belebt» war beteiligt, nebst vielen Einzelpersonen.

Eine Station im Parcours war beispielsweise «Chez Justine», ein Café mit Lädeli und Secondhand-Boutique. Wie Co-Geschäftsführerin Simone Gerber erzählte, wird dieser Treffpunkt von zahlreichen Freiwilligen mitgetragen. «Waldenburg fängt wieder an zu leben, und ein Teil davon zu sein können, ist wunderbar», sagte sie.

Die Thematik der Veränderungen im ländlichen Raum, sprich Abwanderung und wirtschaftlicher Bedeutungsverlust, schwang bei «Countryside 1» hintergründig immer mit. Auch als Gegenstück zu den Klischees, die Städter/-innen vielleicht von Land haben: grüne Wiesen und Wälder, beschauliche Dörfer (beziehungsweise ein pittoreskes Stedtli im Fall von Waldenburg), idyllisches Landleben. Wie Maximilian Hanisch in der Ankündigung schreibt: «Je näher ihr herangeht, desto mehr erfahrt ihr über eine komplexe Geschichte, die vom Handel über den Pass des Hauenstein, die Uhrenindustrie und ihren Weggang geprägt ist.» Der Parcours führte etwa in das modern umgebaute Bauernhaus der Künstlerin Andrea Wolfensberger, die vor 25 Jahren nach Waldenburg gekommen ist und sich neben der Kunst um den zum Haus gehörenden Landwirtschaftsbetrieb mit Fruchtbäumen und Lämmern kümmert.

Die leuchtende Landschaft ...

Landwirtschaft, Wald und Natur kamen an mehreren Stationen zur Sprache, aber auch Nachbarschaft, Geschichten und Perspektiven im Stedtli mit seinen steilen Gassen. Hier und da eine Performance, Klang- und Videoinstallationen, ein kurzes Konzert mit der Waldenburger Harfenspielerin Vera Schnider, die kürzlich den Baselbieter Kulturpreis gewonnen hat, die Ausstellung im «Wolbrg» (nebst der laufenden Kunst-Biennale «Ville des arts») – dem angereisten Publikum wurde einiges geboten. Auch für diejenigen, die aus der Umgebung kamen, und für die vereinzelten Heimweh-Waldenburger/-innen, gab es Neues zu entdecken. Etwa die Sichtweise der Künstlerin und FHNW-Studentin Arielle Frey auf Waldenburg. Aus New York stammend, war für sie die grüne Landschaft etwas Unbekanntes. «Ich war geschockt, dass Natur so schön sein kann», sagte sie im Gespräch mit Maximilian Hanisch. Auf langen Stoffbahnen bringt sie die Häuser, Felder und Bäume mit Acrylfarbe, Kreidepastell und Glow-in-the-dark-Farben zum Leuchten.

... und die zerfallende «Revue»

Am Ende des Tages stand unter anderem die Vorstellung im Raum, dass sich die Natur das Stedtli zurückerobert und alles überwuchert – so endet nämlich das Theaterstück, das Schauspielerin Jasmin Gloor solo im Saal der Revue Thommen spielte, begleitet von Samuel Toro Pérez auf der E-Gitarre. Sie erzählte von gekrümmt sitzenden Uhrenarbeiterinnen, die beim Mittagessen Schmerzmittel bekamen, die ihnen jedoch die Nieren kaputt machten. Oder von der krebserregenden Radon-Farbe der Zifferblätter und den Altlasten im Boden.

Und sie erzählte vom Umnutzungsprojekt der «Revue» mit Ateliers und Wohnungen, das vor einigen Jahren scheiterte, weil der nebulöse Besitzer den Kaufpreis erhöhte, als das Land umgezont wurde. Von den Heizungen, die zerbarsten, weil im Winter das Wasser nicht abgedreht wurd, und von dem Baum, der in der Dachrinne wächst.

Dabei könnte das leer stehende, zerfallende Areal für Ausstellungen, als Jugendtreff, Kindergarten, Tierheim, Gewächshaus oder Vereinslokal genutzt werden: «Warum können wir nicht einfach loslegen und machen? Warum unterstützt uns niemand?», fragte die Schauspielerin verzweifelt. Der alte Raum mit den vielen Erinnerungen wirke auf sie gleichzeitig neu – «Aber das Komische ist, warum ist hier nichts?» Am Schluss hängte sie symbolisch die verschwundene Fabrikuhr wieder an die Wand – wer weiss, was die Zukunft bringt. Dem Publikum war nach dem «Roadtrip» jedenfalls klar, dass in Waldenburg nicht «nichts» ist, sondern dass hier eine ganze Menge läuft.


Perspektivenwechsel

«Was mir am Kulturprojekt Countryside 1 gefällt, ist das Thema Perspektivenwechsel», kommentiert Andrea Sulzer, Gemeindepräsidentin von Waldenburg. Wenn man lange an einem Ort wohne, entwickle man eingefahrene Wahrnehmungsgewohnheiten. Eine davon laute: «Wir sind überschuldet und können nichts machen.» Die an Countryside 1 beteiligten FHNW-Studierenden hätten mit ihren Szenografie-Arbeiten neue Blickwinkel eröffnet, beispielsweise die junge Architektin, die den Schulhausplatz mit Strohbalken, Wasserbecken und Beschattung temporär umgestaltet habe. «Etliche Kinder konnten so die Erfahrung machen, wie der Platz anders sein könnte», sagt Andrea Sulzer. Das sei die Stärke der Kunst: dass sie ihren eigenen Blick auf die Dinge werfe.

«Als Gemeinde sind wir auf Leute angewiesen, die uns immer wieder neue Perspektiven geben», fährt Andrea Sulzer fort. Im politischen Alltag seien das die Neuzuziehenden. Sie kämen nach Waldenburg wegen der Natur, weil sie günstig ein Haus kaufen könnten oder wegen der Waldenburgerbahn. Wenn sie dann hier seien, würden sie über die kulturelle Vielfalt oder die gute Schule in Waldenburg staunen. «Das sind alles Sachen, die einem gar nicht mehr auffallen, wenn man länger an einem Ort lebt», ist sich Andrea Sulzer bewusst. Diesen Perspektivenwechsel ermögliche auch Countryside 1. 

Weitere Artikel zu «Region Waldenburg», die sie interessieren könnten

Bildlegende
Region Waldenburg16.06.2026

Wie Mascagnis Drama die Stadtkirche erleuchtete

Classic Festival Waldenburg Pietro Mascagnis «Cavalleria rusticana» feierte in Liestal Premiere – vor erschreckend leeren Bänken
Luca di Felice wie er leibt und lebt.Foto: zVg
Region Waldenburg09.06.2026

Fröhlichkeit als Lebenselixir

Luca Di Felice Der junge Sänger aus Hölstein hat einen neuen Song veröffentlicht
Kurator Pt Whitfield und Kuratorin Sibylla Dreiszigacker vor dem Bild des kürzlich verstorbenen Gian Pedretti.Fotos: E. Bachmann
Region Waldenburg09.06.2026

Kunst-Zauber im Stedtli

Ville des Arts Vernissage zur Biennale «Ville des Arts» im Pfarrhof Waldenburg