Hier stört nicht mal ein Airbus
Flugfest Lauwil Die Bedingungen für das Gleitschirmfliegen waren fast zu gut

Die Stimmung in Lauwil, weit unter der Hohwacht am Fusse der Wasserfallen, ist einerseits idyllisch und familiär, andererseits professionell, hochkonzentriert und dazu ist es erst noch hochsommerlich warm – aber lange nicht so schwül wie weiter unten im Baselbiet: der grösste Gleitschirm-Club der Region, der Delta- und Para-Club Hohwacht (DPCH), führte sein jährliches Flugfest durch.
Der Zuspruch war sehr gut, die Bedingungen allerdings nicht so optimal, wie dies der Laie in Anbetracht des wolkenlosen Horizontes erwartet hatte. «Die Thermik ist fast zu stark und das Fliegen dadurch anspruchsvoll. Heute muss man sehr genau wissen, was man tut», so Beat Gisin, Präsident des DPCH. Er selbst war in den letzten 12 Monaten rund 350 Stunden in der Luft, sein weitester Flug ging am 25. Mai ab der Riederalp im Oberwallis rund 250 Kilometer zum Oberalppass, von dort zurück ins Unterwallis (Martigny, Verbier) und schliesslich via Saastal zur Landung nach Brig.
Durchführung auf der Kippe
Zurück nach Lauwil. Dieser Tage erwärmen die sehr trockenen und ungewohnt hellen Böden die Luft noch mehr. Wenn dann diese warme Luft aufsteigt, kann in einer Art Schlauch eine aggressive Thermik entstehen, in der sogenannte Abrisskanten sehr gefährlich sein können. Im Extremfall könne das zu einer Schirm-Schliessung führen, erklärt Gisin die Problematik.
Insofern sei die Erfahrung eines Piloten zentral: «Heute fliegen nicht alle und verzichten bewusst. Diesen Kollegen zolle ich meinen grössten Respekt.» Die Durchführung des Flugfestes stand in Anbetracht dieser Bedingungen bis zuletzt auf der Kippe, es gab eingehende Diskussionen und man habe sich diesen Entscheid nicht einfach gemacht.
Die Befürworter sollten am Ende Recht behalten. Am Flugfest herrschte der benötigte Nordwest- bis Nordostwind und phasenweise schwebten über zehn Gleitschirme am Himmel über Lauwil, wiederholt auch als Tandem, also mit Personen, welche erstmals mit einem Gleitschirm flogen. Wenn ein Gleitschirm-Pilot oder eine Pilotin in die Luft geht, sollte er oder sie die Grosswetterlage kennen und das Wetter grundsätzlich verstehen, sagt Gisin unmissverständlich.
Eine andere Perspektive
Selbst als am Euroairport Basel das Anflugregime Mitte Nachmittag nicht ganz unerwartet auf Südanflug umgestellt wurde, blieb es in Lauwil ruhig und beschaulich. Die Regeln sind klar: Die diversen Airbus’ und Co. im Anflug auf Basel bewegen sich im Bereich der Hohwacht auf einer Flughöhe von 1900 Metern, die Höhenlimite für die Gleitfallschirm-Piloten liegt bei 1750 Metern.
Insofern besteht keine Gefahr, wenn auch eine solch relativ nahe Begegnung mit einem «grossen Vogel» schon sehr speziell sei. Und zwar sowohl für die Zuschauer am Boden wie auch für erfahrene Gleitschirm-Piloten. Einer davon ist der 54-jährige Thorsten Caviezel aus Reigoldswil. Er fliegt seit 36 Jahren und machte sein Flugbrevet als 18-Jähriger kurz nach der Autoprüfung. Für den Informatiker ist die Passion des Gleitschirmfliegens purer Lebensinhalt. «Das Fliegen ergibt eine ganz andere Perspektive. Man fokussiert auf das Hier und Jetzt und die üblichen Probleme werden plötzlich ganz klein», so Caviezel.
Clubmitglied ist auch der Baselbieter Regierungsrat Matthias Liechti, der sein Amt als Baudirektor am kommenden 1. Oktober antreten wird. Er ist seit über 20 Jahren passionierter Gleitschirmpilot und will sein Hobby auch in Zukunft weiterhin pflegen. «Wenn Du wieder landest, ist der Kopf leer. Und ich hatte beim Gleitschirm-Fliegen schon oft hervorragende Ideen», so Liechti in Lauwil kurz vor seinem Flug gegenüber der OBZ. Und wer weiss: womöglich entstehen zukünftig Lösungen für den Baudirektor tatsächlich buchstäblich in der Luft.


