Klangvolles Verweilen am Ort der Durchreise
Neue Musik Das Festival Rümlingen widmete sich dieses Jahr der Geschichte von Langenbruck und seiner Landschaft
«Transit Langenbruck» hiess der Titel des diesjährigen Festivals Neue Musik Rümlingen und spielte damit auf die Geschichte des Pass- und Tourismusdorfes am Hauenstein an. Wie immer reisen internationale Künstler/-innen an den Austragungsort – sei es in Rümlingen, sei es jedes zweite Jahr an einem auswärtigen Ort, wie diesmal in Langenbruck – und betten ihre Klangwerke in die Umgebung ein. Ihr Status als «Durchreisende» stand diesmal etwas bewusster im Vordergrund, wie der Untertitel «Durchreisen – Ankommen – Verweilen» suggerierte. Und auch das Publikum, das mit dem Linien- oder Shuttlebus in den ehemaligen Kurort gelangten, fühlten sich vielleicht ein wenig wie die Kurgäste im 19. und frühen 20. Jahrhundert, wenn sie durch grüne Hügel und enge Strassen in den historischen Dorfkern gelangten.
Am Samstag konnten die Gäste die Umgebung erwandern – inklusive Gonderfahrt auf die Wasserfallen – und Klanggeflechte im Wald und entlang der Wanderwege auf sich wirken lassen. Vogelstimmen waren zu hören (Lukas Berchtold), verstärkte Umgebungsklänge (Volker Böhm), die Geräusche mystische Kreaturen (Ane Marthe Sørlien Holen), aber auch aufgenommene Stimmen von Flüchtenden (Mila Comel). Unterwegs spielte ausserdem das Orchester Basel Sinfonietta eigens komponierte Stücke für die Wandernden. Auf dem Schulhausplatz in Langenbruck wartete dann eine gerüstartige Klangskulptur (Stefan Heinrich Ebner) auf sie. Die Verbindung zwischen Klängen und Skulpturen wurde am Sonntag weitergeführt, indem Künstler/-innen den Skulpturenpark des Klosters Schönthal bespielten.
Am Freitag standen das Dorf und seine Häuser im Mittelpunkt. In der Oskar-Bider-Baracke setzten sich Stefano Grasso und seine Mitmusiker/-innen mit dem Ort und dem Flugnionier auseinander: Die Musikperformance mit Trommeln, E-Bass, Flöten, Perkussion und Do-it-yourself-Instrumenten zog sich über vier Stunden und 45 Minuten Stunden hin, genauso lang, wie die Alpen-Erstüberquerung von Oskar Bider gedauert hatte. Im Hauptraum befand sich das Publikum sozusagen auf Flughöhe und sah und hörte alles im Überblick, während sich einzelne Musiker/-innen sporadisch in die Neben- und gedeckten Aussenräumen verschoben, wo zudem Lautsprecher installiert waren, die nur bestimmte Stimmen transportierten. Passend dazu veränderte sich das Wetter draussen von düster-behangen über sonnig bis zum Sommerschauer mit Regenbogen, der irgendwo hinter Revue und Kirche im Grünen aus dem Boden zu springen schien.
Geisterhafte Prozession
Die Kirche wurde natürlich auch als Klangraum und Konzertlocation genutzt. Die in Kairo geborene Aya Metwalli durchstreifte den mit Gazestoff verhangenen und farbig beleuchteten Kirchenraum zusammen mit zwei weiteren Sängerinnen in einer geisterhaft anmutenden Prozession. Anfangs nur ein Flüstern, dann ein Plaudern, wuchs das Stimmengewirr zu einem Schwall von Tönen an, wurde zur Liturgie, zum Volkslied, zu einem Dröhnen, das von Melodiefetzen durchkreuzt wurde, von Schreien gar, aber auch unglaublich schönen Gesangsnoten, bis am Schluss das letzte Gemurmel verebbte – ein musikalisches Ankommen, Durchreisen und Abreisen. Und im Hintergrund klingelten, durchaus passend dazu, leise die Glocken einer Schafherde am gegenüberliegenden Hang – die drei Künstlerinnen hatten die Kirchentüren extra offen gelassen.
Auf der anderen Seite des Schulhausplatzes füllte das Trio «TRËI» die Turnhalle mit Liedern aus verschiedenen Ländern, bei denen um Reisen und Wandern ging – ein spirituelles, gefühlsintensives Konzert, das die Zuhörenden ergriffen zurückliess. An die Rückwand wurden Szenen aus dem Stummfilm «Der Bergführer» von 1917 projiziert, in dem die Langenbruckerin Leny Bider die Hauptrolle spielte, die Schwester von Oskar Bider. Während also Filmfiguren expressiv an Felswänden kletterten und durch Schneelandschaften stapften, sangen Abélia Nordmann, Gizem Simsek und Mara Miribung dreistimmig und spielten auf Cello, Harmonium, Akkordeon, Psalter und türkischer Lyra.
In der ehemaligen Uhrenfabrik Revue Thommen klang der Freitagabend aus, mit einem Set von DJ Sniff (Takuro Mizuta Lippit). Ein passendes Ende für den ersten Festivaltag: Als der Durchreiseverkehr in Langenbruck zurückging, wurden neue Erwerbszweige nötig und so siedelte sich die Uhrenindustrie an. Passend auch, weil sich DJ Sniff auf die DJ-Technik des Hiphop-Pioniers Grandmaster Flash bezieht, der seine Plattenspieler als Uhrwerke betrachtete.
Nicht im Vordergrund standen die zahlreichen weiteren Menschen, die das Festival möglich gemacht hatten, von der Technik über die Küche bis zu den Unterkünften. Wer fehlte, war der Gemeindepräsident Hector Herzig: Er verstarb leider völlig unerwartet während der Vorbereitungszeit und konnte das Festival in Langenbruck nicht mehr miterleben.










