Sonnenblumen, Sprint und Spalier

Schulanfang Wie in Langenbruck der erste Schultag nach den Sommerferien gefeiert wird

Die Schüler/-innen und Eltern lauschen der Rede von  Regierungsrat Markus Eigenmann, der ebenfalls seinen «ersten Schultag» in seiner Rolle als Bildungsdirektor hatte.Fotos: M. Degen

Die Schüler/-innen und Eltern lauschen der Rede von Regierungsrat Markus Eigenmann, der ebenfalls seinen «ersten Schultag» in seiner Rolle als Bildungsdirektor hatte.Fotos: M. Degen

Diese Blicke sagen mehr als tausend Worte: Primarlehrerin Tamara Lipkovits mit einem ihrer neuen Schützlinge.

Diese Blicke sagen mehr als tausend Worte: Primarlehrerin Tamara Lipkovits mit einem ihrer neuen Schützlinge.

Ebenfalls ein Ritual: Motiviert und mit Vollgas geht’s ins neue Schuljahr!

Ebenfalls ein Ritual: Motiviert und mit Vollgas geht’s ins neue Schuljahr!

Acht Uhr morgens, Hauptstrasse 23, Langenbruck. Sieben Erstklässlerinnen und Erstklässler stehen zum ersten Mal im Spalier, ein Zweitklässler ist frisch zugezogen. Jedes neue Kind hält eine Sonnenblume in der Hand – ein gelber Fleck zwischen all den Gesichtern auf dem Pausenplatz. Gesichtern, die für eine derart kleine Dorfschule erstaunlich international sind: Familien aus verschiedensten Ländern schicken ihre Kinder hierher, sagt Markus Eigenmann, seit Anfang Jahr Regierungsrat und Vorsteher der Bildungs-, Kultur- und Sportdirektion – «nicht anders als irgendwo sonst in der Agglomeration». «Heute ist auch mein erster Schultag», sagt er den Kindern – gemeint ist sein erster Schulbesuch in neuer Rolle. Doch die eigentliche Geschichte dieses Morgens steht nicht am Rednerpult. Sie steht mitten im Getümmel, kennt jedes Kind beim Namen und heisst Sandra Flükiger.

Ein Umweg, der zum Weg wurde

Vor sechs Jahren startete Flükiger als Schulleitung in Waldenburg. Irgendwann brauchte man «da oben», in Langenbruck, jemanden für ein kleines Pensum – sie übernahm, zunächst nur einen Teil, später ganz. Heute führt sie beide Schulen gleichzeitig. Einen «kleinen Umweg über das Tal» nennt sie es selbst. Geblieben ist sie, «weil es einfach ein toller Arbeitsort ist, weil wir ein tolles Team haben.»

Rund 60 Kinder besuchen die Schule, verteilt auf drei Zimmer – erste und zweite Klasse zusammen, dritte und vierte, fünfte und sechste. Reine Jahrgangsklassen? «Das ist schon länger her», sagt Flükiger. Kantonsweit sind am 1. Schultag 2026/27 insgesamt 2565 Kinder neu in eine erste Klasse eingetreten, verteilt auf 169 Klassen. Die sieben Erstklässlerinnen und Erstklässler aus Langenbruck sind also nur eine Fussnote in der grossen Statistik – und trotzdem der Mittelpunkt dieses Vormittags. Es gibt das Gotti-Götti-Prinzip: Die Grösseren begleiten die Kleineren, bis zum Ende des Schuljahres weiss jedes Kind, zu wem es gehen kann, wenn ein Problemchen drückt. «Wir kennen einander», sagt Flükiger. «Die Lehrpersonen kennen jedes Kind mit Namen, weil jedes Kind irgendwann bei jeder Lehrperson vorbeikommt.»

Sprint, dann Spalier

Alle Kinder stehen im grossen Kreis, dann beginnt das eigentliche Ritual: Klasse für Klasse rennt im Sprint um den Kreis – die Grössten zuerst, Stufe um Stufe hinunter bis zu den Kleinsten. Zum Schluss bilden die älteren Schülerinnen und Schüler mit dem ganzen Lehrerteam ein Spalier. Durch dieses Spalier schreiten die Erstklässlerinnen und Erstklässler – mit ihnen der zugezogene Zweitklässler –, bevor sie gemeinsam die Treppenstufen erklimmen, um zum ersten Mal ihr Klassenzimmer zu beziehen. Kein grosses Wort fällt in diesem Moment, keines braucht es. Das Spalier sagt alles: Ihr gehört jetzt dazu.

Eigenmann sieht diesem Moment nicht zum ersten Mal in seinem Leben zu, aber zum ersten Mal in seiner neuen Rolle – und nutzt ihn, um von sich selbst zu erzählen. Von seinem ersten Schultag in Hofstetten SO, in einem Zimmer, das sich Erst- und Zweitklässler teilten – «ganz ähnlich wie bei euch». Von jenem Jahr mitten in der Primarschulzeit, als seine Familie nach New Jersey zog und er an seinem amerikanischen Schultag gerade mal fragen konnte, ob er aufs WC dürfe. «Das hätte ich mir an meinem ersten Schultag nie vorstellen können», sagt er – und gibt den Kindern mit, was er selbst erst im Nachhinein verstand: «Getraut euch, Fragen zu stellen. Getraut euch, Neues auszuprobieren. Und getraut euch, auch einmal einen Fehler zu machen.»

Buchstaben, Zahlen, erste Regeln

Im Schulzimmer der Erst- und Zweitklässler übernimmt Tamara Lipkovits, wo das Spalier endet. Die ersten Schultage gehören nicht dem Lehrplan im engeren Sinn, sondern dem, was darunterliegt: soziales Lernen, Klassenregeln, ein Gefühl dafür, wie der Schulalltag überhaupt abläuft. Erst dann folgen die ersten Buchstaben, die ersten Zahlen. Was Lipkovits an dieser Woche besonders freut, ist die Motivation der neuen Kinder – ihre Begeisterungsfähigkeit, mit der sie sich auf alles Neue stürzen, ohne die Fallstricke schon zu kennen, die Erwachsene oft mitdenken.

Klein, aber mit Grenzen

Diese Nähe hat ihren Preis und ihren Wert, meistens gleichzeitig. Weniger Auswahl an Kolleginnen und Kollegen für die Kinder, dafür ein Team, das laut Flükiger «sehr viel selber auffängt», auch wenn der Lehrermangel längst auch das Waldenburgertal erreicht hat. Nach Nachteilen gefragt, muss sie lange überlegen. «Ich komme nicht so auf negative Punkte, so gern ich würde», sagt sie.

Dass eine kleine Gemeinde am Ende des Kantons heute Besuch vom neuen Bildungsdirektor bekommt, rührt sie sichtlich. «Wir haben uns schon ein bisschen geehrt gefühlt», sagt sie. «Aber wenn man sich umsieht, versteht man es. Es ist wirklich ein schöner Ort.» Verändert hat der hohe Besuch am Ablauf nichts – das Ritual mit Sonnenblumen, Sprint und Spalier bleibt, wie es die Kinder kennen.

Mehr Spielraum für kleine Schulen

Was könnte der Kanton besser machen für kleine Landschulen wie diese? Die Zusammenarbeit mit Liestal funktioniere gut, sagt Flükiger – ein gemeinsames Schulentwicklungsprojekt mit Waldenburg wird über vier Schuljahre finanziert, «das finde ich toll». Doch bei Themen wie IT sieht sie noch Potenzial: «Primarschulen sind eigenkommunal, nicht wie die Sekundarschulen, die beim Kanton sind.»

Just diese Lücke will der Kanton nun angehen. «Genau darum machen wir aktuell das Projekt Gemeindeschulen Plus», sagt Eigenmann, «wo wir zusammen mit den Gemeinden ausloten wollen, wie man den Spielraum, den die Gemeinden haben, etwas erweitern kann.» Basel-Landschaft trennt die Finanzierung von Primar- und Sekundarschule strikt zwischen Gemeinden und Kanton – anders als andere Kantone mit Mischfinanzierung. Bei den Bildungsinhalten sieht Eigenmann noch Luft: Der Spielraum der Gemeinden werde dort «schon als sehr eng empfunden». Bis nächsten Sommer will seine Direktion zusammen mit Gemeindevertreterinnen und -vertretern festlegen, wo sich dieser Spielraum vergrössern liesse. Was für Flükiger heute noch Wunschdenken ist, steht beim Kanton also bereits auf der Traktandenliste.

Was schlussendlich bleibt

An den eigenen ersten Schultag kann sich Flükiger kaum mehr erinnern – ausser an ein Foto, das lange bei ihren Eltern hing, sie mit dem Schulsack, bis es den Fotos der Enkelkinder weichen musste. Dafür erinnert sie sich genau an den ersten Schultag ihrer eigenen Kinder: an das Gefühl, loslassen zu müssen. Ein Gefühl, das an diesem Montagmorgen wohl auch die Eltern am Langenbrucker Pausenplatz kennen – während oben, im Klassenzimmer der Dritt- und Viertklässler, ein Regierungsrat zu Besuch ist, unten aber die eigentliche Konstante der Schule längst ihren gewohnten Rhythmus geht. Regierungsräte kommen und gehen. Der Sprint im Kreis, das Spalier am Schluss – die bleiben.

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