Die Träume der Herzensschwestern
Jubiläum 20 Jahre Trenzando – Anlaufstellen für Hausarbeiterinnen in Bolivien

«Zwei Familien, die von einem Ozean getrennt sind, aber durch einen gemeinsamen Traum verbunden sind – das ist etwas Wunderschönes.» Mit diesem Bild fing Vereinspräsidentin Barbara Jansen genau ein, worum es an diesem Spätsommerabend im Rathaussaal in Liestal ging. Der Verein Trenzando, der vor 20 Jahren gegründet wurde, verwirklicht Träume und gibt Menschen eine Familie.
Da war einerseits der Traum von Maria Magdalena Moser und ihren Mitstreitenden. Die Reigoldswilerin dachte schon in den 1990er-Jahren daran, ein Projekt in Bolivien zu verwirklichen, Jahre später konnte sie ihren Traum verwirklichen, dank ganz vielen Unterstützenden. Viele von ihnen waren in den gut gefüllten Rathaussaal gekommen.
Einige wirkungsvolle Mittragende – Eltern, Bekannte, Nachbarn – waren jedoch nicht da, weil sie inzwischen verstorben sind, wie Maria Magdalena Moser feststellte. «Wie können wir an die Generation unserer Kinder appellieren, damit es Trenzando auch in 20 Jahren noch gibt – eine Generation, für die es nicht mehr selbstverständlich ist, wie gut es tut, wenn man anderen Menschen einen Sonnenstrahl im Leben schenken kann?», lautete ihre Frage. Zumindest was ihre eigene Familie betrifft, scheint dies keine unlösbare Aufgabe zu sein: Ihre Kinder sind in das Projekt involviert und Bolivien ist für sie zu einer zweiten Heimat geworden.
Auf der anderen Seite des Ozeans hatte Elizabeth Montero ebenfalls einen Traum. Sie musste sich, fern von ihrer Familie, allein in der Grossstadt zurechtfinden und erlebte Diskriminierung und Ausbeutung – wie es vielen Hausarbeiterinnen ergeht, die vom Land in die Stadt ziehen. «Ich war entschlossen, dass ich nicht will, dass andere erleben, was ich erlebt habe», berichtete sie in ihrem bewegenden Rückblick. Ihr Traum war, einen Ort zu schaffen, an dem Hausarbeiterinnen sich daheim fühlen, wenn sie von der Arbeit kommen. Einen Ort, an dem sie Zusammenhalt und eine Familie finden. Einen Raum, in dem sie sich entfalten können, wo sie über ihre Rechte aufgeklärt werden, Bildung und einen Wegweiser erhalten, damit sie ihren eigenen Weg finden können.
Die beiden «Herzensschwestern» von zwei Seiten des Ozeans konnten ihre Träume erfüllen und einen solchen Ort – eine Anlaufstelle – gründen. Genauer gesagt zwei, eine in Sucre und eine in Santa Cruz. Hunderte von Frauen hat das Projekt unmittelbar unterstützt, und wenn die positiven Auswirkungen im weiteren Umfeld mitgezählt werden, dann haben wohl Tausende Menschen davon profitiert. Elizabeth Montero konnte, unter viel Anstrengung und Verzicht, Recht studieren und ist heute Anwältin. Damit ist sie zu einem Vorbild für die Frauen in den Anlaufstellen geworden, von denen einige ebenfalls den Weg zu einem Studium gefunden haben. Besonders schön: Viele der unterstützten Frauen engagieren sich jeweils später ehrenamtlich für das Projekt.
Eine andere Art zu denken
Ueli Mäder, der das Gespräch im Rathaussaal moderierte, stellte Elizabeth Montero die Frage, was sie bei dieser Arbeit gelernt habe. Solidarität, Nächstenliebe, eine Umarmung, ein «Du kannst», lautete die Antwort. Vor allem aber Zuhören und Geduld: «Ich bin da, ich höre zu.» So seien die Frauen zu ihren «Töchtern des Herzens» geworden.
Maria Magdalena Moser hat ihrerseits von Elizabeth Montero gelernt, «dass man anders denken kann, als man hier denkt.» Logik, Abstraktion, Effizienz, ein auf die Sekunde durchgetakteter Schweizer Gottesdienst – das habe alles seine Nützlichkeit. Aber es gebe auch eine andere Art von Reflexion, die genauso wesentlich sei, das habe sie in Bolivien gelernt. Und es sei Platz für beides da.
Zuversicht, in Bezug auf Trenzando, aber auch allgemein, schöpft Maria Magdalena Moser, wenn es gelingt, «die Utopie auf den Boden zu holen» und Träume im Kleinen, für einzelne Menschen wirkungsvoll umzusetzen. Elizabeth Montero stellt ebenfalls die Erfolge in den Vordergrund: die Leben, die verändert wurden, die Abschlüsse, die erreicht wurden, aber auch das gemeinsame Spielen, Lachen und Erzählen in einem sicheren Raum. Einen besonderen Dank richtete sie den Anwesenden aus, die Trenzando in all den Jahren unterstützt haben.
Engagierte Menschen
Aus den Anfangszeiten des Vereins erzählten die Mitgründerinnen Regula Meschberger, Ruth Gonseth und Lukas Ott – letzterer in schriftlicher Form, da er krankheitshalber nicht persönlich anwesend sein konnte. Sein bescheidener Beitrag habe darin bestanden, dass er Maria Magdalena Moser damals mit vier Menschen zusammengebracht habe: Ruth Gonseth, Elisabeth Augstburger, Roland Plattner und Regula Meschberger.
Ruth Gonseth würdigte die Erfolge des Projekts und zog den Vergleich zu Nepal, wo sie sich seit Jahren engagiert und das für sie – wie Bolivien für Maria Magdalena – zu einer zweiten Heimat geworden sei. Für Menschen in der Schweiz wäre es vielleicht nicht schlecht, sich eine solche «zweite Heimat» zuzulegen, meinte sie.
Regula Meschberger warf nach dem vielen Zurückschauen einen Blick in die Zukunft: Das Projekt in Bolivien leiste zunehmend auch Präventionsarbeit, indem Familien in den Dörfern in Gesprächen gezielt darauf vorbereitet würden, was die Töchter in den Städten erwarte. Diese Information sei für sie sehr wichtig.
Mit Musik von Laurent Nicoud, Ulli Niedermüller und Olivier Körper sowie einer Lesung aus Maria Magdalena Mosers Buch «Geflochtene Wege» klang der Jubiläumsabend aus.


