Innovationsgeist weht durchs Tal
Schienenverkehr Die Waldenburgerbahn fährt teilautomatisiert – bis 2030 soll sie vollautonom unterwegs sein

«Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass wir uns im Silicon Valley der Bahnentwicklung befinden», meint Philipp Glogg, Chief Technical Officer der Baselland Transport AG (BLT). Die Waldenburgerbahn (WB) fährt neu teilautomatisiert, das heisst, sie regelt während der Fahrt die optimale Geschwindigkeit selbstständig, achtet auf den Abstand zu anderen Zügen, beschleunigt, bremst ab, hält präzise an den Haltstellen an und öffnet die Türen. Noch sitzt zwar ein/e Fahrer/-in im Cockpit: Sie oder er kann jederzeit eingreifen und trägt die Verantwortung. Das Fahrpersonal hat zudem ein Auge auf die ein- und aussteigenden Fahrgäste, es reagiert bei Notfallsituationen oder hält den Zug an, wenn sich ein Hindernis auf dem Gleis befindet. Und es gibt an jeder Haltestelle manuell die Freigabe, damit der Zug losfahren kann.
Das Ziel ist jedoch, dass die WB dereinst vollständig autonom fährt. Im Jahr 2030 soll es soweit sein. Bis dahin ist noch einiges an Tüftelei nötig: Die 13,1 Kilometer lange WB-Strecke und das Depotgelände in Waldenburg sind zurzeit eine Art Experimentierlabor für künftig selbstfahrende Züge – eine Technologie, die weit über die WB und das Waldenburgertal heraus reicht. Auch Tramlinien wie die Linien 10, 11 und 17 sollen später in den autonomen Betrieb gehen – die Grundsteine dafür werden jetzt unter anderem im Depot Waldenburg gelegt, wo in einem geschützten Bereich testweise mit selbstfahrenden Zügen manövriert wird.
Vergangene Woche lud die BLT die Medien zu einer Testfahrt in einem teilautomatisierten Fahrzeug ein und demonstrierte auf dem BLT-Gelände, wie Züge – noch ohne Fahrgäste – automatisch hin und her fahren. Es gebe zwar schon führerlose Metros, räumte Philipp Glogg ein, aber für eine Überlandbahn wie die WB – nicht in einem Tunnel, ohne Abschrankungen – sei der teilautomatisierte Betrieb eine echte Innovation.
Intelligenz in Zügen
und Infrastruktur
In den kommenden vier Jahren sollen zusammen mit dem Hersteller Stadler die Systeme entwickelt und implementiert werden, die autonomes Fahren ermöglichen. Ähnlich wie bei den Autos stelle sich momentan die Frage, so Glogg, ob technische Massnahmen in der Bahn-Infrastruktur zur Anwendung kommen sollten oder ob die Züge selber «intelligenter» werden müssten.
Bereits jetzt steckt in der WB-Infrastruktur viel Technik. So lässt sich anhand von RFID-Markern (eine Art Funk-Chips, die auf der Schienenstrecke platziert sind) feststellen, wo sich ein Zug gerade befindet. Die Bahnübergänge werden mit Lidar (eine Art Laser-Radar) überprüft, bevor die Schranke heruntergelassen wird. Und mit dem neuen CBTC-System (Communications-Based Train Control) von Stadler kommunizieren die Fahrzeuge nun in Echtzeit mit der Streckeninfrastruktur.
Kopfzerbrechen bereiten laut Philipp Glogg beispielsweise unübersichtliche Stellen wie beim Coop in Oberdorf – hier sind weitere innovative Lösungen gefragt. Bauliche Sicherheitmassnahmen sollen hingegen eher vermieden werden: «Das Ziel ist, die WB nicht einzuhagen, sondern sie so zu erhalten, wie wir sie kennen», so Glogg.
Die Entwicklung finde in enger Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Verkehr (BAV) statt, das die BLT sehr unterstütze, «aber natürlich auch den Mahnfinger hebt.» Dank diesen Rahmen-bedingungen bestehe in der Schweiz ein guter Nährboden für solche Innovationsprozesse.
Innovation wird nicht nur in der Schweiz gross geschrieben, sondern besonders im Waldenburgertal, das seit 1880 eine eigene Bahn und zurzeit die modernste Meterspurbahn Europas hat. So stellte Frédéric Monard, CEO der BLT, am Medienanlass in Waldenburg fest: «Der teilautomatisierte Betrieb der Waldenburgerbahn bestätigt einmal mehr den Pionier- und Innovationsgeist in diesem Tal.» Er wünsche dem Tal und der Region, dass das ein Anstoss sei, weiterhin visionär zu sein.
Zum Schluss stellt sich die Frage: Wozu das Ganze? Schliesslich fallen durch die Automatisierung – nicht nur beim Schienenverkehr – ganze Berufsgruppen weg. Vorteile verspricht die (teil-)automatisierte WB jedenfalls für die Kund/-innen: Der Fahrbetrieb wird gleichmässiger und effizienter, der Fahrplan kann besser eingehalten werden, Verspätungen und zu frühe Abfahrten an den Haltestellen können verhindert werden, und in Zukunft sollen dank den integrierten Systemen auch die Anschlüsse besser gewährleistet werden.
«Wir meinen es wirklich ernst», betonte Philipp Glogg, «was hier passiert, ist die Zukunft.»


