Mit Gesang den Zauber der Wahrheit auf die Bühne bringen
Porträt Ein Gespräch mit Andrea Suter, Sopranistin und Konzert-Veranstalterin
Für Andrea Suter ist die Bühne ein magischer Ort: ein Raum der Konzentration, der Energien und der Verwandlung. Hier kann die Sopranistin in Rollen schlüpfen, eine Welt erschaffen und zugleich ganz bei sich sein. Genau diese Verbindung von Wahrhaftigkeit im Ausdruck und künstlerischer Gestaltung fasziniert sie an ihrem Beruf.
Seit 2019 lebt Andrea Suter mit ihrem Mann und musikalischen Partner Riccardo Bovino im Stedtli Liestal. Hier hat sie einen Ort gefunden, an dem Wohnen und Musikprojekte gut zusammenpassen. Sie schätzt das Leben mitten im Zentrum, kennt viele Menschen hier und mag die zufälligen Begegnungen im Alltag. «In dieser Phase meines Lebens ist das Stedtli der ideale Ort für mich. Ich finde alles hier, Austausch, Kontakte, gutes Essen, guten Kaffee …» Auch der Blick vom Liestaler Aussichtsturm gehört für sie zu den schönen Seiten ihres Wohnorts.
Von der Geige zur eigenen Stimme
Ihre musikalische Reise begann nicht mit dem Gesang. Als Kind lernte Andrea Suter Geige, bevor sie über die Musikschule Sissach zur Stimme fand. Später studierte sie Gesang und Gesangspädagogik und schloss 2011 an der Zürcher Hochschule der Künste ihren Master of Music Performance mit Auszeichnung ab. Mehrmals wurde sie als Solistin beim Migros-Gesangswettbewerb ausgezeichnet.
Heute ist die Stimme ihr wichtigstes Ausdrucksmittel: Seit rund 25 Jahren bewegt sie sich im Konzertbusiness und hat zahlreiche Rollen im Opern- und Oratorienfach gesungen: Tochter aus gutem Hause, Liebhaberin, Mondprinzessin oder Hexe; allein im Opernfach hat sie über 30 verschiedene Charaktere verkörpert. Ihr Repertoire reicht vom Barock über zeitgenössische Werke bis hin zu Chansons. Gleichzeitig unterrichtet sie privat Sologesang und arbeitet als Stimmbildnerin in Chören.
Doch eine gute Stimme allein reicht für eine Sängerinnenkarriere nicht. Gefragt sind Neugier, Übungsdisziplin, Körperbewusstsein und Gesundheit. «Die Stimme ist an keinem Tag gleich wie am Tag zuvor», beschreibt Suter eine der zentralen Herausforderungen. «Es ist täglich ein kleiner Aufbruch zu neuen Ufern, immer wieder.» Jeden Tag müsse sie neu annehmen, wie die Stimme gerade disponiert sei, und daraus etwas machen. Wer gut mit sich selbst zurechtkomme, habe eine wichtige Grundlage für eine hohe Auftrittskompetenz.
Zwischen Ausgeliefertsein und geschütztem Raum
Nach intensiver Vorarbeit kommt dieser besondere Moment, in dem die Bühne betreten wird. Für Andrea Suter hat dieser einen ambivalenten Reiz. Einerseits ist die Sängerin vollkommen ausgestellt, andererseits bietet die Bühne einen geschützten Raum, in dem eine ganze Welt entstehen kann.
Es sei ein «spannendes Spiel mit Energie und Konzentration». Andrea Suter vergleicht das Gefühl auf der Bühne sogar mit jenem eines Gladiators: «Entweder gewinnt man das Publikum oder man wird ‹gefressen›», sagt sie lachend. Entscheidend sei letztlich aber natürlich nicht der Kampf, sondern das gemeinsame Erlebnis.
Die Kunstder Balance
Die körperliche Herausforderung von Bühnenauftritten macht einen bewussten Umgang mit den eigenen Ressourcen umso wichtiger. Ein Auftritt ist für Andrea Suter ein «hoch energetischer Zustand», in dem ständig eine Balance angestrebt wird: Stimme, Muskeln, Bewegung und künstlerische Intention müssen zusammenspielen. Gleichzeitig gilt es, den Verschleiss möglichst gering zu halten, damit die Stimme lange jung und kräftig bleibt. «Als Sängerin kann man mit Glück und guter Technik durchaus 40 Jahre oder mehr singen.» Ihr persönliches Auftrittsritual ist unkompliziert: Eine Stunde vor dem Auftritt gibt es eine Banane, eine halbe Stunde vorher einen Apfel – danach wird geschminkt.
Szenische Werke werden auswendig gesungen, während sie für ein Oratorium mit Noten auf der Bühne steht. Bei einer Bach-Kantate hat das Lesen der Noten für Andrea Suter sogar eine besondere Qualität: Dann sei immer auch ein wenig «Herr Bach» dabei.
Ein Publikum, das ehrlich reagiert
Besonders gerne tritt Andrea Suter vor Kindern auf. Deren Reaktionen seien «geradeheraus und ungefiltert». Gerade diese Unmittelbarkeit schätzt sie. «Nach einem Auftritt am Theater Winterthur habe ich die Schulklassen, die in der Vorstellung waren, in der Bahnhofunterführung wiedergesehen, inkognito. Alle haben gesungen und die hallige Akustik mit Koloraturen der Königin der Nacht, deren Arie ich gesungen hatte, ausprobiert. Das hat mich beglückt, weil ich spürte, sie hatten Spass und probierten selber aus.» Überhaupt geht es ihr bei Musik nicht nur um Perfektion, sondern um eine offene Energie zwischen den Menschen auf und vor der Bühne. Sie freut sich auf jene Momente, in denen «ein Zauber von Wahrheit» entsteht – Momente, in denen die Musik wie gerade erst erschaffen klingt, mühelos, natürlich und authentisch.
Diese Haltung prägt auch ihre Arbeit als Veranstalterin. Seit 2020 organisiert sie gemeinsam mit Riccardo Bovino die Konzertreihe «Stimmen zu Gast» in Liestal. Die Reihe widmet sich Lied und Vokalmusik und verbindet hohe musikalische Qualität mit einer persönlichen Atmosphäre.
Der Name ist dabei Programm. «Zu Gast» soll nicht bloss eine Konzertreihe bezeichnen, sondern eine Haltung vermitteln. Mit vielen der Künstler/-innen, die hier auftreten, verbindet sie auch eine Freundschaft: Kommen sie von weither angereist, verbringen sie oft einige Tage als Gäste bei den Veranstaltern. Auch fürs Publikum sind sie Gastgeber: Beim Apéro nach den Konzerten wird der direkte Austausch gepflegt. Suter geht es um ein Gesamterlebnis – «ein musikalisch erstklassiges Angebot in sehr persönlicher Atmosphäre».
Die Organisation ist allerdings ein zeitlicher Balanceakt und der eigene Aufwand bleibt dabei unbezahlt. Was Andrea Suter antreibt, sind Begeisterung und die Überzeugung, so einen einzigartigen Raum für die reiche Welt der Vokalmusik zu öffnen.
Neulandbetreten
Stillstand passt nicht zu Andrea Suter. «Dabei bin ich kein zielgerichteter Mensch. Vielmehr lasse ich meine Intuition entscheiden, ob ich etwas anpacken soll, was schon in der Luft liegt.»
Denn auch die Rollen einer Sopranistin verändern sich mit zunehmendem Alter. Deshalb gelte es, wach zu bleiben und immer wieder zu entdecken, was die Musik an unermesslichem Reichtum bietet. «Sich wie eine Schlange häuten, Altes ablegen, um frisch beginnen zu können, das ist im künstlerischen Prozess überlebenswichtig», sagt Suter. «Meine Agenda ist gut gefüllt von den Engagements, die an mich herangetragen werden. Aber es interessiert mich zunehmend, auch selber zu kreieren und Konzepte zu entwickeln.» So brachte sie zum Beispiel die Oper «Fell und Feder» als Puppenspiel auf die Bühne. Aktuell bereitet sie ein Konzert vor, bei dem eine Viola organista zum Einsatz kommt, ein Instrument, das Leonardo da Vinci einst skizziert hat und das später von einem polnischen Klavierbauer gebaut wurde.
Im Herbst wartet zudem eine Premiere: Im Oktober und November 2026 ist Andrea Suter mit der Fricktaler Bühne in Rheinfelden im Musical «Hello, Dolly!» zu erleben. Sie übernimmt die Rolle der Minnie Fay, einer jungen, naiven und geschwätzigen Assistentin der Hutmacherin Irene Molloy. Die Proben haben bereits begonnen. Das Stück bringt New Yorker Flair nach Rheinfelden – «frech, schillernd und bewegt». Zum ersten Mal steht Suter damit in einer Musical-Produktion auf der Bühne.
Musik fürs Leben
Nicht nur klassische Musik klingt durch die Räume des Hauses, das Andrea Suter mit ihrer Familie bewohnt. Mit ihrer neunjährigen Tochter hört und entdeckt sie die ganze Vielfalt: Von Queen über Michael Jackson bis zu den neuesten ESC-Hits ist alles dabei. Ihre Tochter spielt Oboe und Klavier. «Wir möchten möglichst viel verschiedene Musik zusammen hören und spielen. Musik für das Leben, nicht umgekehrt.»
Kinder sollten die Möglichkeit erhalten, Facetten und Stile kennenzulernen und einen eigenen Geschmack zu entwickeln. Entscheidend sei zu verstehen, wie viel Musik einem fürs ganze Leben geben könne: Als Profi, als Laie, im Chor, im Orchester, das sei letztlich egal. Dann erübrige sich die Frage danach, warum Kinder möglichst viel und lustvoll mit Musik in Kontakt kommen sollten.
Diese Überzeugung fliesst auch in «Stimmen zu Gast» ein. Die Konzertreihe veranstaltet szenische Kinderkonzerte mit viel Interaktion. Die Kinder sitzen nicht bloss im Publikum, sondern dürfen mitsingen, mitspielen und das Geschehen auf der Bühne begleiten. Andrea Suter bedauert, dass es gerade im Teenageralter schwieriger wird, die Freude am Musizieren aufrechtzuerhalten. «Für mich war das Orchesterspielen als Jugendliche ein Eldorado: Mein erster Schwarm war auch im Orchester, das war doch schon ein grosser Ansporn, immer besser zu werden!» Dass die Motivation mit dem Tun kommt und nicht umgekehrt, das sei für sie eine Lebensschule gewesen.
Der nächsteAuftritt wartet
Andrea Suter ist Sängerin, Pädagogin, Veranstalterin und Kulturvermittlerin. In all diesen Rollen verbindet sie einen hohen künstlerischen Anspruch mit der Lust am Entdecken. Ob als Solistin auf einer grossen Bühne, im Unterricht, bei einem Kinderkonzert oder bei der Programmplanung für «Stimmen zu Gast»: Immer geht es ihr um den Moment, in dem Musik lebendig wird.
Und so bleibt ihr Blick nach vorne gerichtet. Auf den nächsten Auftritt, das nächste Projekt, die nächste Begegnung. Auf jenen besonderen Augenblick, in dem alles genau zusammenpasst und auf der Bühne etwas entsteht, das sich nicht planen, sondern nur anlocken lässt: ein kleiner Zauber von Wahrheit.
Nächster Anlass: Am Freitag, 11. September, um 19.30 Uhr gastiert das Ensemble Cinquecento im Rahmen von «Stimmen zu Gast» in der Stadtkirche Liestal.
Zur Person
Andrea Suter, 44, lebt seit 2019 mit Riccardo Bovino in Liestal. Sie absolvierte ihr Lehrdiplom an der Hochschule der Künste Bern und studierte an der Zürcher Hochschule der Künste. 2011 schloss sie den Master of Music Performance mit Auszeichnung ab. Als Solistin war sie mehrfache Preisträgerin des Migros-Gesangswettbewerbs. Eine zweijährige Weiterbildung in Alexandertechnik am AZAT ergänzte ihre Ausbildung zur Gesangspädagogin.
Als Solistin hat sie sich mit einem breit gefächerten Repertoire vom Barock bis zur zeitgenössischen Musik sowie mit Chansons etabliert. Sie sang am Theater Basel, am Stadttheater Winterthur, am Theater Konstanz sowie in zahlreichen Opern- und Operettenproduktionen schweizweit. Gemeinsam mit Riccardo Bovino gründete sie 2020 die Konzertreihe «Stimmen zu Gast» in Liestal. Dort widmet sie sich zunehmend der konzeptionellen Arbeit und der Realisation von Kindertheaterproduktionen. Zudem unterrichtet sie Gesang in ihrem eigenen Studio in Basel. 2026 übernimmt sie mit Minnie Fay in «Hello, Dolly!» erstmals eine Rolle in einer Musical-Produktion.






