«Probst fiel immer aus der Zeit und ist daher zeitlos»

Skulpturen Jakob Probst verdient mehr Beachtung, findet Tomas Lochman

Der Probst-Forscher Tomas Lochman vor dem Wehrmannsdenkmal in Liestal.Foto: L. Degen
Der Probst-Forscher Tomas Lochman vor dem Wehrmannsdenkmal in Liestal.Foto: L. Degen

Der Basler Kunsthistoriker Tomas Lochman schätzt das Werk von Bildhauer Jakob Probst (1880–1966) und findet, es verdiene, mehr beachtet zu werden.

ObZ: Herr Lochman, was verbindet Sie mit Jakob Probst?

Tomas Lochman: Ich habe mich viel mit August Suter beschäftigt, einem Zeitgenossen von Jakob Probst. Diese zwei Biografien haben etliche Parallelen, so lebten beide mehrheitlich im Ausland und hatten dort ihre Bekanntheit erlangt. Stefan Hess, der Leiter des DISTL («Dichter:innen- und Stadtmuseum Liestal») hat mich dann für einen Vortrag zu Jakob Probst angefragt, anlässlich von dessen 60. Todestag im vergangenen März. Dafür habe ich viel Material ausgewertet. Was zeichnet Probst aus, welche Wertschätzung erfährt er und von wem, welches Gewicht haben seine Werke aus kunsthistorischer Sicht, solche Fragen haben mich beschäftigt.

Und zu welchen Resultaten sind Sie gekommen?

Bildhauer-Nachlässe haben es in unserer Region generell schwer. Für die Malerei und Papierarbeiten finden sich leichter Aufbewahrungsorte, aber für Skulpturen fehlt meistens der Platz und oftmals auch die Wertschätzung. Denkmäler im öffentlichen Raum werden ja kaum mehr wahrgenommen, obschon sie immer sichtbar sind, Gemälden hingegen schenkt man eher Beachtung, sobald sie in einer Ausstellung zu sehen sind. Probst ist da keine Ausnahme. Sein Werk findet sich in unserer Region an mehreren Plätzen, aber ist kaum mehr im öffentlichen Bewusstsein präsent. Es wäre schön, wenn es gelänge, diesem Zustand entgegenzuwirken.

Was fasziniert Sie an Jakob Probst?

Probst ist, wie auch August Suter, ein herausragender Vertreter des modernen figürlichen Klassizismus in der Schweiz der ersten Hälfe des 20. Jahrhunderts. Im Gegensatz zu Suters Skulpturen weisen Probsts Werke aber auch gewisse avantgardistische Elemente auf. Probst unterwarf seine Skulpturen einer stärkeren Stilisierung und Grundformenreduzierung, ausserdem forcierte er die Körperbewegungen. Insbesondere die Arme nehmen Haltungen auf, die keinen funktionalen Sinn ergeben. Nehmen wir beispielsweise den abgewinkelten linken Arm über dem Kopf des Jünglings beim Wehrmannsdenkmal, oder die nach hinten gebogenen Hände der «Schreitenden», die keiner nachvollziehbaren Gebärde entspringen. Solche radikalen Umsetzungen riefen auch starke Opposition hervor, nicht nur in Liestal, auch in Basel, wo «die Ruhende» auf der Steinenschanze zum Stein des Anstosses wurde.

Gibt es «Botschaften» im Werk von Probst?

In Vordergrund von Probst künstlerischen Schaffen steht die menschliche Figur in ihrer Wirkung auf den Umraum. Seine Schöpfungen stellen mit Ausnahme der Porträts keine spezifischen Wesen dar, sondern sind vielmehr als Allegorien zu verstehen, die für übergeordnete Werte und Tugenden stehen. So schuf er z. B. für Olten das Wehrdenkmal, dessen an Hodler’sche Krieger erinnernde massige Figur zur Verkörperung der Wehrhaftigkeit wird. Oder nehmen wir den Kolumbus vor dem Wirtschaftsgymnasium in Basel. Nicht die historische Person des Seefahrers interessiert den Künstler, als vielmehr der Ausdruck eines Erstaunens und Entdeckungserlebnisses. Dadurch hebt Probst die Figuren in eine andere Ebene. Nicht so radikal wie etwa Giacometti, der seine Figuren auf das absolute Minimum reduziert, aber er geht weiter als beispielsweise August Suter, dessen Skulpturen traditioneller und in der Komposition und ihrem Ausdruck zurückhaltender sind.

Wo steht Jakob Probsts Werk heute?

Probst fiel immer aus der Zeit, daher ist er für mich zeitlos! (lacht). Er ist im öffentlichen Raum präsent, in Liestal unter anderem mit dem Strübin-Denkmal auf dem Zeughausplatz oder der «Genesenden» vor dem Kantonsspital. Aber diese Werke werden wie gesagt kaum beachtet, so wie übrigens auch Suters monumentales Spitteler-Denkmal heute kaum mehr wahrgenommen wird, nicht gesehen wird, obschon es an einer Hauptstrasse steht und man es umrunden und von allen Seiten betrachten kann. Skulpturen visuell zu begreifen, dafür nimmt sich heute niemand mehr die Zeit. Die Bedeutung des Kulturgutes Skulptur sollte unbedingt stärker gewürdigt werden. Idealerweise sollten solche Werke in die Obhut von Museen oder sonstigen Institutionen der Erinnerungspflege gelangen, wo deren Kontextgeschichte aufgearbeitet werden kann.

Sie sind auch beim Archiv regionaler Künstler/-innen-Nachlässe (ARK) engagiert, weshalb?

Nach dem Tod von Künstlerinnen und Künstler aus unserer Region sind die Erben bzw. Nachlassverwalter oftmals vor grössere Probleme gestellt, nicht selten besteht sogar die Gefahr, dass ihre Werke vernichtet werden. Hier setzt das ARK Basel an. Wir möchten die Kunst erhalten, die hier im Raum Basel entstanden ist. Dabei haben es allerdings rundplastische Werke besonders schwer, allein schon wegen ihrer Volumina und Materialschwere. Für Nachfahren ist es schlicht unmöglich, sich um solche Werke zu kümmern. Wir verfügen in Pratteln über ein Lager, wo wir die uns anvertrauten Nachlässe aufbewahren, dokumentieren, im Idealfall auch in Ausstellungen und Publikationen präsentieren und damit auch für spätere Generationen erhalten. Interview: Lorenz Degen

Neuste Entwicklungen im Fall Reigoldswil

Der Artikel von Martin Stohler in der «Volksstimme» vom 29. Mai 2026 hat eine Lawine ausgelöst. An einem Gespräch zwischen der Gemeinde Reigoldswil, der Probst-Erbin Giulietta Coates sowie Probst-Kenner Rolf Wirz (als Vermittler) am 26. Mai 2026 im Gemeindehaus Reigoldswil wurde vereinbart, die dort befindlichen Probst-Gipsskulpturen zu zerstören. Damit sollte verhindert werden, dass sie für unrechtmässige Nachgüsse weiterverwendet werden. Auf diese Ankündigung hin haben sich nun aber verschiedene Stimmen gemeldet, die die Objekte vor der Mulde retten wollen, unter anderem durch Private an anderen Standorten in Reigoldswil oder in einem provisorischen Lager durch den Verein ARK. Der Kanton Baselland beabsichtigt, die Skulptur «Der Schwörende» in seine Sammlung aufzunehmen. Zur Zeit laufen die Abklärungen noch. Die Erbinnen sind grundsätzlich einverstanden, die Gipse dem Kanton Basel-Landschaft und dem ARK Basel zu überlassen. Bis Ende Juli müssen diese aus dem Gemeindehaus Reigoldswil entfernt werden und Schenkungsverträge vorliegen.

Zur Person

Dr. Tomas Lochman wurde 1959 in Prag geboren. An der Universität Basel studierte er Klassische Archäologie, Kunstgeschichte und Allgemeinde Geschichte. Von 1993 bis 2013 leitete er die Skulpturenhalle Basel und realisierte bedeutende Ausstellungen, u. a. zur Antike im Comic. Bis zu seiner Pensionierung 2024 wirkte er als Kurator im Antikenmuseum Basel, heute präsidiert Lochman die Historisch-Antiquarische Gesellschaft Basel (HAG).

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