Walser hörbar gemacht

«Nachklang» des Festivals Neue Musik Rümlingen  

Patrick Kessler (r.) am Bass und Dieb13 am Makrograph.Fotos: M. Schaffner

Patrick Kessler (r.) am Bass und Dieb13 am Makrograph.Fotos: M. Schaffner

Ueli Jäggi liest den «Räuber».

Ueli Jäggi liest den «Räuber».

«Der Patient gibt zu, Stimmen zu hören», steht in einem Arztprotokoll von Robert Walser. Der Schweizer Literat, der Werke wie «Geschwister Tanner», «Der Gehülfe» oder «Der Räuber» hervorgebracht hatte, verbrachte die letzten 23 Jahre seines Lebens in einer Klinik in Herisau und gab das Schreiben auf, dafür begab er sich auf ausgedehnte Spaziergänge durch die Appenzeller Landschaft. Das Festival «Neue Musik Rümlingen», das dieses Jahr wiederum nicht im Baselbiet stattfand, sondern mit dem Festival «Klang Moor Schopfe Gais» kooperierte, machte das Zusammengehen von literarisch-musikalischen Stimmen und Landschaft erlebbar: Das Publikum durfte sich auf gut fünf Stunden Wanderung durchs Appenzell mit Kompositionen von über 20 Komponist/-innen, vier Musiktheatern sowie Lesungen auseinandersetzen.

Letzte Woche wurde ein «Nachklang» in der Kirche Rümlingen angeboten, quasi einer Miniversion des zehntägigen Anlasses. Diese bestand aus drei Teilen: aus der Klang-Installation «What we keep» von Cathy van Eck, einer Walser-Lesung und einem Konzert.

Der Schauspieler und Hörspielsprecher Ueli Jäggi las innert einer Stunde Robert Walsers Räuber-Roman vor. Nicht den ganzen, aber eine gekürzte Version, die er zusammen mit dem Theaterschaffenden Malte Ubenauf erarbeitet hatte. Jäggis Interpretation des Textes wirkte äusserst lebendig. Sie beschwor einen – aus dem Roman-Ich, der Räuberfigur und dem Autor kombinierten – Charakter herauf, der zugleich fröhlich-unbefangen und von krankhaften Obsessionen getrieben schien. «Walser muss man hören», meinte Jäggi in der Pause.

Im zweiten Teil präsentierten Patrick Kessler, der Leiter von «Klang Moor Schopfe Gais», und der Künstler «Dieb13» den «Makrographen». Dabei handelt es sich um eine Art überdimensionieren Plattenspieler, nur dass statt der Nadel ein Laser die Platte abtastet, und dass statt einer Tonspur ein «Mikrogramm» von Robert Walser in den Tonträger eingraviert ist. Als «Mikrogramm» bezeichnet die Literaturforschung die Texte Walsers, die in einer winzigen Bleistiftschrift, kaum grösser als ein Millimeter, geschrieben sind. Beim «Makrographen» sind die Schriftzeilen aus dem Mikrogramm Nummer 400 auf ein paar Zentimeter vergrössert und spiralförmig auf einer Kunststoffplatte angeordnet, wie bei einer Schallplatte. Unterstützt durch elektronische Hilfsmittel und einen Kontrabass ertönten wechselhafte Klanglandschaften aus trichterförmigen Lautsprechern heraus, die im Kirchenschiff aufgehängt waren. Die Zuhörenden wurden ermuntert, aufzustehen und sich im Sinn eines Walser’schen Spaziergangs dazwischen zu bewegen. Patrick Kessler und Dieb13 bauten eine dichte Atmosphäre auf, die aus einem düsteren Dröhnen, rhythmischen Episoden und schrillen, manchmal sprachähnlichen Lauten zusammengesetzt war. Die Komposition weckte Assoziationen mit dem sprunghaften Schreibstil Walsers, aber auch mit seinem (vorgestellten) geplagten Innenleben.

Die Poesie des Ortes

Zum Gesamterlebnis trug auch das Dorf Rümlingen bei – nicht umsonst trägt das Festival die Ortsbezeichnung im Namen. Mit dem Nachklang von Cathy van Eck, Ueli Jäggi, Patrick Kessler und Dieb13 noch in den Ohren erschien beim Verlassen der Kirche die ganze Umgebung in eine poetische Stimmung getaucht, vom bedrohlichen Viadukt im Novembernebel bis zum unheimlichen Brummen im Wartehäuschen an der einspurigen Bahnlinie.

Das nächste Festival soll im August 2022 in Rümlingen, Kilchberg und Oltingen stattfinden und laut Festivalleiter Tumasch Clalüna eher stationäre konzertante Formate bieten. Der Sonntag werde allerdings ziemlich sicher wieder Gelegenheit bieten, «locker wandernd Musik zu erhören».

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