Zwei 2026 verträgts nicht
Trockenheit Die Landwirtschaft hat zwar Strategien – trotzdem ist die Lage ernst
«Viele ältere Tiere leiden sehr unter der Hitze, ihr Immunsystem ist geschwächt, sie leiden an Durchfall und sonstigen Keimkrankheiten», berichtet Elias Zumbrunn. Zusammen mit seinen Eltern betreiben er und seine vierköpfige Familie eine Generationengemeinschaft in Wittinsburg mit 40 Milchkühen. Auf 35 Hektaren wachsen ausserdem Getreide, Kürbisse, Kirschen und weitere Produkte, dazu kommen 15 Hektaren Futterfläche.
Und hier sieht die Lage düster aus: Gaben die Kunstmatten bei den ersten zwei Schnitten noch einen durchschnittlichen Ertrag ab, so ist seit Anfang Juni kein Regen mehr gefallen. «Die Grasnarben sind komplett abgestorben», klagt Elias Zumbrunn. «Es ist von Tag zu Tag brauner geworden.»
In einem «normalen» Jahr stünde jetzt der dritte Schnitt an, um Dörrfutter für den kommenden Winter und Frühling auf die Seite zu legen. «Hier haben wir leider 100 Prozent Ausfall», stellt Elias Zumbrunn fest. Nach vielem Herumtelefonieren mit Händlern sei leider auch ausgeschlossen, dass Futter zugekauft werden könne. «Wir müssen uns zufriedengeben mit der Menge, die vorhanden ist und hoffen, dass wir mit einem blauen Auge davonkommen», meint der Landwirt.
Andere Betriebe in der Schweiz haben dieses Jahr bereits mehr als ein blaues Auge davongetragen: Im Juni und Juli mussten laut Zahlen des Bundesamts für Landwirtschaft (BWL) rund 15 Prozent mehr Rinder und fast ein Drittel mehr Kühe geschlachtet werden als im Vorjahreszeitraum.
Investition in Zukunft: Stall mit Regenwassertank
Bruno Zumbrunn, der auf 40 Jahre landwirtschaftliche Tätigkeit zurückblicken kann, fühlt sich an den Hitzesommer von 2003 erinnert. Der Unterschied zu damals: «Die Futterhändler nehmen das Telefon schon gar nicht mehr ab.»
Der Generationenbetrieb Zumbrunn hat zum Glück schon vor einiger Zeit begonnen, in die Zukunft zu investieren. Dieses Jahr wird ein neuer Milchviehstall für 70 Kühe realisiert, der unter anderem eine Regenwasser-Zurückhaltung und einen 300000-Liter-Tank beinhaltet, eine Biogasanlage für den Hofdünger sowie eine PV-Anlage. Letztere produziere auch Strom, wenn die Atomkraftwerke infolge Hitze «trockengelegt» seien, so Bruno Zumbrunn. Das Schönste für ihn als Landwirt sei aber, wenn die Kühe im neuen Stall mehr Licht, Luft und Platz bekämen, damit sie die Hitze besser ertragen könnten.
Medienkonferenz des Bundesin Wittinsburg
Wittinsburg war letzte Woche Schauplatz einer Medienkonferenz des BWL zum Thema Trockenheit. BWL-Direktor Christian Hofer berichtete über die «gravierende» Lage und die Massnahmen des Bundes – etwa im Bereich Direktzahlungen, Zölle, Betriebshilfedarlehen und Prämienverbilligung der Ernteversicherung. Zudem werden mit der «Klimastrategie Landwirtschaft und Ernährung 2050» Massnahmen zur Klimaanpassung umgesetzt. Unter anderem stellt der Bund finanzielle Mittel für Bewässerungsprojekte zur Verfügung und fördert resistentere Arten.
Seitens Kanton Baselland redete Christoph Böbner, Leiter des Ebenrain – Zentrum für Landwirtschaft, Natur und Ernährung. Er kam unter anderem auf die 50- bis 60-prozentigen Ausfälle beim Futtermais und Liquiditätsengpässe bei den Betrieben zu sprechen. Neben kurzfristigen Massnahmen wie finanziellen Erleichterungen betonte er vor allem, dass langfristig der Rückhalt von Wasser gefördert werden müsse: «Wir haben zu viel Wasser im falschen Moment und zu wenig, wenn wir es brauchen würden.» Die Herausforderung könne nur gemeinsam von Landwirten, Bund und Kantonen gestemmt werden. Wenn dies gelinge, «dann können wir mit unseren Szenarien weiterhin Landwirtschaft betreiben», so Christoph Böbner.
Allerdings: «Wir hoffen schon nicht, dass jedes Jahr ein 2026 wird», meinte Christoph Böbner. «Darauf wären wir nicht vorbereitet.»
Trockenheit wird auch zum Problem für Konsument/-innen
«Es ist nicht nur ein Thema der Landwirtschaft, sondern der Gesellschaft», sagte Christian Hofer zum Schluss. Die Konsument/-innen müssten sich auf Sorten einstellen, die weniger Wasser brauchen. Bauern und Öffentlichkeit müssten diesen Weg gemeinsam gehen.
Bruno Zumbrunn wünscht sich, dass die Gesellschaft mehr darüber nachdenkt, was es eigentlich bedeutet, dass wir zweimal täglich essen können und Wasser jederzeit verfügbar ist: «Jeder Mensch muss sich bewusst sein, dass diese uneingeschränkte Verfügbarkeit nicht mehr selbstverständlich sein wird.»
«Slow Water»: Pilot im Oberbaselbiet
Die Klimaerhitzung führt vermehrt zu Wetterextremen wie Trockenheit und Starkniederschlägen, dabei erodiert der wertvolle Boden und das Wasser fliesst zu schnell ab. Das Projekt «Slow Water» setzt deshalb auf Retention (Zurückhaltung) von Regenwasser: Teiche, Baumreihen, Gräben für langsame Versickerung, Hecken, Regenwassersammlung- und Speicherung, Untersaaten und Agroforst gehören zu den Massnahmen, die im Projekt getestet werden. Getragen wird «Slow Water» vom Ebenrain und von der Dienststelle Landwirtschaft und Wald des Kantons Luzern, Pilotregionen sind das Oberbaselbiet, das Moostal bei Riehen und Luzern-West. Auch der Hof Zumbrunn in Wittinsburg nimmt teil: Unter anderem wird eine besonders gefährdete Parzelle aus der Bepflanzung herausgenommen und mittels Baumreihen in Dauergrünland verwandelt, was die Erosion verhindern soll.
Als weiteres Projekt wurde an der Medienkonferenz von letzter Woche das Projekt «ArroBroye» beim Neuenburgersee vorgestellt. Dort geht es darum, die Bewässerung unter 23 Gemeinden besser zu organisieren, um die landwirtschaftliche Produktion sicherzustellen und die Flüsse zu schützen.






