Region Gelterkinden
09.09.2020

Naturfaser Leinen gewinnt wieder an Bedeutung

Benildis Bentolila

Wenn Brigitt Kestenholz aus Gelterkinden von der Naturfaser Leinen spricht, ist sie kaum zu bremsen. Sie schwärmt von den guten Eigenschaften wie Zugfestigkeit, Reissfestigkeit, Schmutzabweisung, Antistatik und deren vielseitiger Verwendung (Haus- und Bettwäsche, Kleider, Dekorationsstoffe, Taschen, Schuhe) und bedauert, dass Leinengewebe von Baumwolle und später von synthetischen Fasern verdrängt wurde. Allerdings sieht sie einen Lichtblick: «Angesichts des ökologischen Aspektes gewinnt Leinen in den letzten Jahren wieder an Bedeutung.» Brigitt ohne E am Schluss!

«Ich bin eine Recyclingfrau»

Brigitt Kestenholz bezeichnet sich selbst nicht nur als «Leinenfrau», sondern auch als «Recyclingfrau». «Einem alten Textil, gebraucht und jahrelang in einem Kasten oder auf dem Estrich gelagert, eine neue, zeitgemässe Bestimmung zu geben, macht mich glücklich», sagt sie. Dank Umgestaltung kreiert sie peppige und poppige Taschen in allen Grössen, in verschiedenen Formen und für unterschiedliche Zwecke.

Ihr Motto: «Aus Alt mach Neu!» So schafft sie Nützliches aus Textil, wobei ihr die Ideen nicht auszugehen scheinen. Sie sagt, alte Leinensäcke oder Trachtenschürzen würden Geschichten erzählen und damit Menschen verbinden, besonders, wenn sie beschriftet waren. So habe sie einer Frau eine umgearbeitete Schürze verkauft, wo sie das Monogramm der ehemaligen Eigentümerin in die neue Ausführung eingearbeitet habe. Plötzlich habe die Käuferin gerufen: «Ich glaub’s nicht; ich habe die frühere Besitzerin gekannt.»

Aufgewachsen als Bauernmädchen

Woher kommt die Liebe zu Leinen und zum Traditionellen? «Ich bin ein Bauernmädchen, aufgewachsen auf einem Hof in Therwil; meine Mutter nähte noch auf einer antiken Pfaff-Pedal-Nähmaschine, wofür ich mich schon als Schulkind interessierte», blickt Brigitt Kestenholz zurück. Bereits als Teenager besuchte sie Nähkurse – und sie besucht sie weiterhin, denn sie könne immer wieder Neues lernen. Zudem würden sich in diesen Nähschulen angenehme Kontakte bilden. Ihr Leben lang begleiteten sie Nadel und Faden, Stoffe und Knöpfe, textiles Material und Farben. «Mir war und ist nie langweilig», lacht sie.

Ein Stand an der «Brächete» Zäziwil

Vor einigen Jahren besuchte sie den traditionellen «Gotthelf Märit» in Sumiswald und tauchte begeistert ab in den handwerklichen Ständen. Sie kaufte ein nach Herzenslust und erfuhr von der «Brächete Zäziwil». Bereits zweimal hielt sie danach dort selbst einen Stand, schliesslich passen ihre Kreationen perfekt in die Hügellandschaft am westlichen Beginn des Emmentals. «In Sumiswald und in Zäziwil konnte ich mein Wissen über altes Textilhandwerk und Erzeugnisse aus früheren Zeiten erweitern», hält sie fest; «die Leute haben sich neidlos mit mir ausgetauscht.»

Ihre fantasievollen Taschen, Backhandschuhe, Brillen- und Handy-Etuis und weitere Produkte – alle handgefertigt – bietet sie samstags am «Gälterchinder Samschtigmärt» in der Allee (Ecke Allmendstrasse/Poststrasse) von 8 bis 12 Uhr an. Da ihr Stand vorläufig nicht über ein Dach verfügt, kann sie ihn nur bei schönem Wetter öffnen. Auf die Frage der Oberbaselbieter Zeitung, ob ein Einkauf übers Internet möglich sei, winkt Brigitt Kestenholz schnell ab: «Online-Verkauf passt nicht zu meinen Produkten!» Zudem schätze sie den direkten Kontakt mit ihrer Kundschaft; schliesslich gebe es von beiden Seiten viel zu erzählen unter dem Motto: «Weisch no?»