Der Stadtsaal in Liestal – näher als jede andere grosse Bühne

Portrait Wie eine Liestaler Schauspielerin zwischen Filmset, Bühne und Sterbebett ihren eigenen, erfüllten Weg findet

Herzlich und unwiderstehlich ansteckend: Regula Grauwillers strahlendes Lächeln. Foto: Mirjam Knickriem

Herzlich und unwiderstehlich ansteckend: Regula Grauwillers strahlendes Lächeln. Foto: Mirjam Knickriem

Regula Grauwiller mit ihrem Bühnenpartner Bernhard Bettermann.Foto: Mathias Bothor

Regula Grauwiller mit ihrem Bühnenpartner Bernhard Bettermann.Foto: Mathias Bothor

Sie kommt direkt von der Probe, im Kopf noch mitten in einer Szene aus 30 Jahren Beziehungsgeschichte – und trotzdem ist als Erstes ihr unverkennbares Lachen da.

Regula Grauwiller sitzt mit ihrem Mann Jophi Ries und ihrem Bühnenpartner Bernhard Bettermann in einem Café am Wasserturmplatz, alle drei noch aufgewärmt vom Text, locker, als käme man gerade von einem Familienfest und nicht von der Arbeit. Genau so muss es sich anfühlen, wenn drei Menschen zusammen etwas aufbauen, an das sie glauben.

Zehn Jahre war sie in Berlin, ein paar weitere in München. Seit 23 Jahren ist Regula Grauwiller nun wieder in Liestal zuhause. «Eine Grossmutter um die Ecke zu haben, wäre ja auch nicht so schlecht», hat ihr Mann damals gesagt – statt in irgendein Kaff in Bayern zu ziehen, wo sie niemanden kennen. Das Argument hat gesessen.

Zuerst lebten sie in einem alten Hexenhäuschen mit verwildertem Garten, das sie zunächst nur gemietet hatten – nach zehn Jahren mussten sie wegen Eigenbedarfs wieder ausziehen und wohnen heute in einem anderen Haus in Liestal. Ihre drei Kinder sind heute 22, 24 und 26 Jahre alt – nur der Jüngste, ihr Sohn, wohnt noch zuhause, die beiden Töchter haben längst eigene Wege eingeschlagen. Jophi Ries, gebürtiger Deutscher, ist übrigens erst dieses Jahr Schweizer geworden – nach 23 Jahren im Baselbiet. Heute ist er, wie sie es nennt, einer der grössten Verfechter der Schweiz: stolz, wenn er abstimmen darf, überzeugt von der direkten Demokratie, dankbar für ein Land, das seine Sache offenbar richtig macht. Die anfängliche Direktheit hat er trotzdem nie ganz abgelegt – aber genau das gehört inzwischen zur Familie, egal in welchem Haus.

Der alte Mann mit zwölf

Als Schülerin, etwa zwölfjährig, spielte sie zum ersten Mal eine grössere Rolle: einen alten Mann, mit grau eingesprühten Locken. Es war eine kleine Aufführung, aber ein grosser Moment – zum ersten Mal stand sie vorne, zum ersten Mal spürte sie, wie ein Publikum reagiert, wenn man ihm etwas gibt. Der Traum war geboren, doch sie selbst redete ihn sich klein: «Ein Traumberuf muss ein Traum bleiben, damit er auch ein Traumberuf bleibt», sagte sie sich damals, ganz überzeugt von ihrer eigenen Logik. Ihr Vater sah das anders: «Das weisst du erst, wenn du es probiert hast.» Sie probierte es. Von tausend Bewerbenden nahm die Schauspielschule in Berlin zehn – sie war eine davon. Leicht war es nicht. Das Heimweh im ersten Jahr, der raue Ton der Neunzigerjahre an der Schauspielschule, ein Lehrer, der ihr vorwarf, auf der Bühne zu verschwinden. Gerettet hat sie das Fernsehen. Dort fand sie die Freude am Beruf wieder, dort durfte sie improvisieren, ohne Angst haben zu müssen. Zehn Jahre lang drehte sie fast nur noch – und drehte sich damit auch selbst aus der Krise heraus.

Zwischen Tod und Leben

Was Regula Grauwiller heute mindestens so sehr prägt wie die Kamera, findet nicht im Rampenlicht statt, sondern am Sterbebett. Alles begann am Bett ihrer sterbenden Grossmutter, als deren Schwester zu singen anfing – «Der Mond ist aufgegangen» – und wieder aufhörte, weil sie sonst hätte weinen müssen. «Das macht doch nichts», sagte Regula Grauwiller damals, «dann singen wir zusammen.» Eine Stunde lang sangen die drei – Grosstante, Mutter und Enkelin, drei Generationen einer Familie – alles, was ihnen einfiel, mit Tränen und mit sehr viel Liebe im Raum.

Aus diesem Moment wuchs eine zweite Berufung: Nach einer Ausbildung zur Sterbebegleiterin beim Roten Kreuz und einer Ausbildung zur freien Trauerrednerin hält sie heute, in guten Wochen, mehr als eine Abschiedsfeier – von Reinach bis Zürich, von Basel bis Luzern. «Man kann es würdig und stimmungsvoll machen, auch ohne Pfarrer», sagt sie. Manchmal kommen Angehörige danach zu ihr und sagen, die Verstorbene sei noch einmal richtig lebendig gewesen. Ellbögeln ist nicht ihr Ding, weder auf der Bühne noch am Grab. Zuhören schon.

Heimspiel im Stadtsaal

Und jetzt also die Bühne, ganz gross, mitten in Liestal. «Die Affäre war ihr Schicksal», steht auf dem Plakat, und darunter zwei Namen, die zusammengehören: Regula Grauwiller und Bernhard Bettermann in «Jahre später, gleiche Zeit» von Bernard Slade – der Fortsetzung eines Beziehungsklassikers, in dem sich zwei Menschen ein Wochenende im Jahr treffen, verheiratet mit anderen, verstrickt in eine Affäre, die niemand sonst kennt. Premiere ist am 31. Dezember 2026 um 21 Uhr, die zweite Vorstellung folgt am 1. Januar 2027 um 19 Uhr – beide Male im Stadtsaal Liestal. Regie führt, wie könnte es anders sein, ihr eigener Mann Jophi Ries. Für die Produktion haben die drei extra einen eigenen Verein gegründet: Olé. Ein eigener Verein für ein einziges Stück – auch das gehört zu dem Mut, mit dem sie dieses Projekt angehen, wobei sie durchaus den Traum haben, dass weitere Stücke folgen werden. Mutig ist es allemal: Geprobt wird, bevor Fördergelder oder Sponsoren zugesagt haben, die Gagen stellen die drei vorerst selbst zurück. «Aus Angst entsteht nichts, nur aus Freude», sagt Regula Grauwiller dazu – und lacht ihr ansteckendes Lachen.

Am 28. November zeigt das Ensemble im Rahmen der «Lichtblicke» im Palazzo unter dem Titel «Ein Blick hinter den Vorhang» eine offene Probe – ein erster Vorgeschmack, bevor der Vorhang an Silvester richtig aufgeht. Tickets für die Vorstellungen gibt es über eventfrog.ch. Von Liestal aus soll es weitergehen: Auftritte in Meilen sind bereits fixiert, eine grössere Tournee ist für Ende 2027 angedacht.

Kino, ARD und kein Stillstand

Ruhig wird es für Regula Grauwiller so bald nicht. Am 29. September feiert der Kinofilm «111 – Echoes from Halifax» am Zurich Film Festival Premiere, ab 1. Oktober läuft er in den Kinos. Sie spielt darin Beatrice Tschanz, jene Swissair-Pressesprecherin, die nach dem Absturz 1998 die Krisenkommunikation revolutionierte – zum ersten Mal in ihrer Karriere mit Perücke, Zürichdeutsch dagegen hat sie schon dreimal gesprochen, zuletzt in «Blue My Mind» und der Webserie «Nr. 47».

Gut drei Wochen später, am 24. und 25. Oktober, ist sie in der sechsteiligen ARD-Miniserie «Das Vergessen» zu sehen, an der Seite von Julia Koschitz und Matthias Koeberlin, ab dem 23. Oktober bereits in der Mediathek abrufbar. Ihre Fans dürfen sich also doppelt freuen: Kino und Fernsehen, fast im selben Atemzug. Drei grosse Projekte, eine Frau – und mittendrin die Bühne im Stadtsaal Liestal, die ihr näher liegt als jede andere. Was Regula Grauwiller mit diesem Stück aufbaut, ist mehr als ein Theaterabend. «Wir wollen von Liestal aus die Schweiz ein bisschen erobern», sagt sie selbst – und lässt damit keinen Zweifel daran, wo für sie die Reise beginnt.

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