Worte und Punkte, die Kraft und Zuversicht geben

Post-Covid Eine Lehrerin entdeckt das Schreiben, eine Sozialpädagogin die Punktmalerei

Eine kleine Auswahl von Degens Werken.

Eine kleine Auswahl von Degens Werken.

Ruth Degen

Ruth Degen

Nicola Renfer

Nicola Renfer

Nicola Renfers erstes Buch

Nicola Renfers erstes Buch

Auch Karten, Notiz- und Schreibbücher
dienen als Träger für die Punktmalerei.

Auch Karten, Notiz- und Schreibbücher dienen als Träger für die Punktmalerei.

Nicola Renfer hat in der Nacht kaum geschlafen. Sie sass im Bett, weil sie vor Schmerzen nicht liegen konnte. Um sechs Uhr stand sie trotzdem auf, für ihren 14-jährigen Sohn. Wenige Stunden später sitzt sie der ObZ gegenüber und freut sich auf das Gespräch. «Zu spüren, wie die Worte bei anderen wirken, gibt einem so viel Energie und Kraft», sagt sie. «Ohne das wäre ich wahrscheinlich nie unter der Decke hervorgekommen.»

Die Frenkendörferin ist in Liestal aufgewachsen und war 20 Jahre lang Lehrerin. Schmerzen kennt sie seit dem Jugendalter, sie wurden mit den Jahren immer stärker. 2022 gab ihr Corona den Rest. Seither unterrichtet sie nicht mehr. Aber sie sieht auch das, was die Krankheit ihr gebracht hat: «Ich habe nicht mehr arbeiten können, aber ich habe immer mit meinem Sohn frühstücken können. Das habe ich vorher nie gekonnt.»

Aus Schmerzbrocken Wortflocken

Sprache hat sie immer geliebt. «Aber geschrieben habe ich nie selber. Das habe ich mir nie zugetraut.» Dann sagte ein Arzt: «Versuchen Sie doch, Gedichte zu schreiben.» Am nächsten Tag stand das erste. Als sie ihm in der nächsten Sprechstunde den ersten Text vortrug, meinte er: «Das dürfen Sie nicht für sich behalten.» Erschöpft ging sie danach einem Bächlein entlang, und es entstand «worte wie treibgut». Darin zaubern die Worte «aus schmerzbrocken wortflocken». «Ich habe keinen einzigen Text geschrieben, der am Schluss negativ endet», sagt Nicola Renfer. «Das ist einfach meine Person.»

Sie schreibt alles zuerst mit Bleistift auf, oft im Schmerz oder spät nachts. Nun erscheint ihr erster Gedichtband «ich schreibe lieber».

Ein Regenbogen begleitet das Buch, dazu der Satz «vom schreien ins schreiben». In vielen Texten versteckt sich ein Wort im Wort, etwa im «anfängerglück», «weil ich noch Anfängerin bin, die das Glück fängt». Gewidmet ist das Buch ihrem Vater, der letztes Jahr unerwartet gestorben ist.

Der erste Punkt in der Mitte

Auch die 35-jährige Liestalerin Ruth Degen musste ihren Beruf aufgeben. Als Sozialpädagogin begleitete sie Menschen mit geistiger Beeinträchtigung. Bei der Arbeit steckte sie sich mit Corona an. Der Weg zurück in den Beruf gelang ihr nicht.

In einer Kunsttherapie bemalte sie Steine – daraus wurde ihre Punktmalerei. «Ich habe mich nie wirklich als extrem kreativ erlebt», sagt sie. Heute setzt sie mit Farbstiften Punkt um Punkt auf Vasen, Hocker, Bilder und Steine. Sie beginnt mit dem ersten Punkt in der Mitte, die sie inzwischen meist ohne Messen trifft. Das Malen helfe ihr, «zur Ruhe zu kommen».

Wie gross die Maschen sind

Was Post-Covid bedeutet, sieht man Nicola Renfer nicht an. «Die Leute sehen mich nicht zu Hause», sagt sie. «Sie sehen mich da, wie ich stark bin und versuche, trotzdem weiterzuleben.» Typisch sind laut dem Luzerner Kantonsspital ausgeprägte Erschöpfung und Belastungsintoleranz. Betroffene seien bei körperlicher oder geistiger Belastung rasch überfordert und bräuchten nach Aktivität länger, um sich zu erholen.

Ruth Degen hat das erlebt. Versuche, wieder zu arbeiten, brachten ihr meist eine Verschlechterung. Eine Zeit lang war sie auf den Rollstuhl angewiesen.

Dazu kommt die Sorge ums Geld. Laut einer Studie im Auftrag des Bundesamts für Sozialversicherungen hatten sich von 2021 bis Ende 2023 mindestens 2900 Menschen mit Long-Covid-Symptomen bei der IV angemeldet. Neun von zehn waren zu diesem Zeitpunkt zu 100 Prozent arbeitsunfähig. Zwei Jahre nach der Anmeldung lag bei 55 Prozent noch kein Rentenentscheid vor. Eine frühe Anmeldung sei zentral, um eine Lücke zwischen den Leistungen der Versicherungen möglichst zu vermeiden, hält der Bundesrat fest. Auch Nicola Renfer lebt von ihrem Ersparten, erst langsam und nur wenig bringen die Lesungen ein.

«Man merkt erst, wenn man im ganzen System drin ist, wie gross die Maschen sind», sagt Ruth Degen. Allein das Organisatorische habe sie zeitweise ihre ganze Energie gekostet. Eine Kollegin von ihr erhielt nur eine Teilrente und kommt kaum über die Runden. «Es gibt so viele, die einfach am Kämpfen sind. Es ist ein extremer Spiessrutenlauf.»

Heute geht Ruth Degen wieder mit Stöcken, zeitweise auch ohne. Und sie hofft, dass die Krankheit eines Tages ganz verschwindet. Mit dem, was früher möglich war, dürfe man sich nicht vergleichen, sagt sie. «Es ist einfach das Leben, das sich entwickelt und sich auch zum Positiven wieder verändern kann.» Was sie mit Nicola Renfer verbindet, bringt sie auf einen Satz: «Es ist die Kreativität, die wir durch die Krankheit neu kennenlernen oder wiederentdecken durften.»

Drei Tage in der Kulturscheune

«der punkt. punktet. punkt.» heisst das Motto, und es trifft beide. Bei Ruth Degen ist der Punkt das Werkzeug, aus dem Punkt für Punkt ein Muster wächst. Bei Nicola Renfer ist er das Satzzeichen, das sie mitten ins Wort setzt. Auf ihrer Website steht «ich am end. stehen.» und gleich darunter «ich am entstehen.» Ein Punkt – und aus dem Ende wird ein Anfang. Zu sehen ist das alles vom 20. bis 22. November in der Kulturscheune Liestal.

Am Freitag gibt es zur Vernissage einen Apéro und kurze Ansprachen, Nicola Renfer liest, begleitet von Christoph Denoth an der Gitarre. Am Samstag und Sonntag liest sie erneut, möglichst jedes Mal etwas anderes. Auszüge aus dem Buch hängen gross auf Tafeln, per QR-Code kann man hineinhören.

Ruth Degen stellt 20 bis 30 Werke aus, zu Preisen ab 8 Franken bis 60 Franken für die grösste Laterne. Das ist knapp gerechnet. Ein einzelner ihrer Stifte kostet 7 bis 8 Franken, und die Preise sollen vor allem das Material decken. «Die Zeit kann man eh nicht aufrechnen, ich brauche einfach relativ lang.» Am Wochenende will sie vor Ort Punkte malen, «damit die Leute sehen, wie lange das dauert». Nervös ist sie schon ein bisschen. Bisher hat sie ihre Werke in der Familie und an Freunde verschenkt, nun zeigt sie sie zum ersten Mal einem grösseren Publikum. Wenn sie damit anderen eine Freude machen kann, ist ihre Zeit für sie «sinnvoll genutzt». Gerne nimmt sie auch Aufträge an, etwa für einen alten Hocker, der Punkte bekommen soll.

Was sollen die Besucherinnen und Besucher mitnehmen? Ruth Degen: «Dass man durch eine Krankheit, die einem das Leben durcheinanderbringt, wieder andere Zugänge finden kann.» Punkt.

Ausstellung & Buchvorstellung
Kulturscheune Liestal, Kasernenstrasse 21A.

Freitag, 20. November
17.30 bis 21 Uhr. Vernissage mit Apéro um 18 Uhr, Lesung und Musik.

Samstag, 21. November
13 bis 19 Uhr, Lesung um 17 Uhr.

Sonntag, 22. November
11 bis 15 Uhr, Lesung um 13 Uhr.

Eintritt frei. Das Buch kann bereits auf diearchitextin.ch bestellt werden.

Weitere Informationen zu Post-Covid finden Sie unter:
long-covid-info.ch
altea-network.com
sgme.ch
solongcovid.ch
klinik-arlesheim.ch

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