In vier Tagen ohne Geld durch die Schweiz
«SchweizExpress» 24 Zweierteams übernachteten gratis in Liestal – dank der Grosszügigkeit der Bevölkerung
Manchen Menschen fällt es schon nur schwer, andere Leute nach dem Weg zu fragen. Wer bei «SchweizExpress» mitmachen will, muss solche Hemmungen ganz ablegen. «Dürfen wir bei Ihnen mitfahren?», «Laden Sie uns zum Essen ein?» oder gar «Haben Sie einen Schlafplatz für uns?» sind Fragen, die täglich gestellt werden müssen.
Bei der Challenge geht es darum, in vier Tagen ohne Geld, ohne eigenes Handy und ohne eigenes Auto über 1000 Kilometer quer durch die Schweiz zu reisen und möglichst schnell die jeweils nächste Etappe zu erreichen. An Gepäck darf nur mitgenommen werden, was man selber tragen kann. Die Teilnehmenden sind dabei komplett auf die Grosszügigkeit der Menschen angewiesen, die ihnen unterwegs begegnen. Geld dürfen sie jedoch nicht annehmen, sie dürfen sich nur einladen lassen oder jemanden bitten, ihnen in einem Laden etwas zu kaufen. Das klappt meistens erstaunlich gut, sagt Marianna Fellmann von «SchweizExpress». Das Schöne sei, dass man auf diese Art Leute kennenlerne: «Es ist ein tolles Erlebnis!»
Jede Minute zählt
Die Tagesetappe vom vergangenen Donnerstagabend endete in Liestal: Die 24 Zweierteams, die dieses Jahr bei «SchweizExpress» teilnehmen, trafen am späteren Nachmittag nach und nach in der schattigen «Allee» ein, wo das Organisationsteam einen Stand eingerichtet hatte – im Laufschritt natürlich, denn jede Minute zählt.
Théo und Grégory Devaud kamen als Erste ins Ziel – und am übernächsten Tag sollte sich herausstellen, dass sie nicht nur Tagessieger von Liestal sind, sondern auch Gesamtsieger. Dazu muss gesagt werden: Grégory Devaud ist kein Neuling, er hat schon mehrmals bei «SchweizExpress» teilgenommen und bereits zwei Mal den Sieg geholt.
Der Tag hatte für das Vater-Sohn-Duo mit einem Lauf von La Tour-de-Peilz nach Vevey angefangen, danach gings per Anhalter weiter. Insgesamt neun verschiedene Personen nahm die beiden jeweils ein Stück weit mit. Meistens dauere es nicht lange, bis ein Auto anhalte, meinte Grégory Devaud, aber er halte halt nicht nur den Daumen hoch, sondern springe auf die Strasse, winke mit den Armen und zeige auf sein «Schweiz-Express»-T-Shirt.
Das Zweierteam, das sich «Tel père, tel fils» nennt («Wie der Vater, so der Sohn»), ergänzt sich gut: Der Vater, der lange im Kantonsparlament im Kanton Waadt war und amtierender Gemeindepräsident von Aigle ist, kümmert sich um «parler» und ums Strategische, während Sohn Théo gut darin ist, die sportlichen Herausforderungen zu meistern.
Bei «SchweizExpress» sind nämlich nicht nur Rede- und Überzeugungskünste in verschiedenen Sprachen gefragt. Unterwegs gilt es verschiedene Challenges zu erfüllen, um Punkte zu sammeln und/oder zu erfahren, wo sich das nächste Zwischenziel befindet. Das können Rätsel sein, aber auch sportliche Wettkämpfe. So mussten die Teilnehmenden in der römischen Arena von Avenches mit Schaumstoffschwertern gegeneinander kämpfen oder beim Viadukt von Le Day in der Nähe von Vallorbe an einem Seil in die Tiefe fallen lassen.
Die «Fans» schauen online zu
Organisiert wird «SchweizExpress» seit 2011 von einem Verein aus dem Welschland, finanziert wird der Event über Sponsoren, die aber nicht im Vordergrund stehen, über die Teilnahmegebühr und sogenannte Patenschaften: Freunde, Bekannte oder einfach interessierte können das Rennen online mitverfolgen und ihrem Team beispielsweise ein Erfrischungsgetränk spenden – oder ihm eine Extra-Challenge auferlegen. Als beispielsweise «Tel père, tel fils» in Liestal ankamen, stellen ihnen ihre Fans die Zusatzaufgabe, dass sie sich zum Abendessen einladen lassen mussten – hätten sie diese Challenge abgelehnt, wären ihnen Punkte abgezogen worden. Aber für Grégory und Théo Devaud kein Problem: Nach einer kurzen Verschnaufpause machten sie sich auf Richtung Stedtli, um Leute anzusprechen.
«Läckerli» aufzutreiben – kurz vor Ladenschluss – war die Zusatzchallenge des Teams «Les Lau Lau», das am Schluss Dritte wurde. Lauriane Delabays und Lauriane Schouwey waren seit sechs Stunden auf den Beinen und hatten aus Zeitgründen noch nichts gegessen, blickten aber ebenfalls zuversichtlich auf den Abend, denn am Vortrag waren sie von der ersten Person, die sie ansprachen, nach Hause eingeladen worden. Auch in Liestal lief es rund: Zwei Frauen nahmen sie bei sich auf und gingen kurz darauf zu ihrem Pilateskurs – mit den Worten, die beiden sollten sich einfach wie zu Hause fühlen. Später gab es gemeinsam Flammkuchen und eine Musikdarbietung der Gastgeberin.
Ehrenamtliche Helfer/-innen
Damit während des Events alles rund läuft, sind zahlreiche Helfer/-innen im Einsatz, die alle ehrenamtlich arbeiten, darunter auch Fotograf/-innen und Filmer/-innen. Jedes Zweierteam trägt ein zur Verfügung gestelltes Telefon mit sich, damit über GPS seine Position abgerufen werden kann. Alle Apps ausser dem Wecker sind deaktiviert, sodass die Teams wirklich auf sich allein gestellt sind – ohne Google Maps. Initiator Corentin Aymon (links im oberen Bild) hat auf seinem Laptop jederzeit den Überblick, kommuniziert online mit den «Paten» und in Liestal filmte er auch den Zieleinlauf. Entstanden ist «SchweizExpress» aus der Idee, die eigenen Grenzen auszuloten, aber daraus wurde schnell eine grössere Sache: Mittlerweile bewerben sich rund 350 Teams, von denen sich 25 bei einer Vorausscheidung qualifizieren können, wobei sich dieses Jahr ein Team am Starttag aus persönlichen Gründen zurückziehen musste. Die meisten Teams stammen aus der französischen Schweiz, aber es hat auch Deutschschweizer/-innen dabei: Das Ziel ist sowieso, den Röstigraben zu überwinden und Begegnungen über Sprachgrenzen hinweg zu ermöglichen.
Schöne Begegnungen in Liestal
Laut Marianna Fellmann fanden in Liestal alle Teams einen Unterschlupf für die Nacht. Die grosse Mehrheit übernachtete bei Privatpersonen, entweder direkt bei ihnen zu Hause oder in leer stehenden Unterkünften, die beispielsweise sonst über die Übernachtungsplattform «Airbnb» vermietet werden. Eine Gastgeberin konnte gleich für zwölf Zweierteams Unterkünfte organisieren.
«Gerade diese spontanen Begegnungen und die Gastfreundschaft der Bevölkerung sind ein wichtiger Teil von SchweizExpress», sagt Marianna Fellmann. Ihr sind einige weitere schöne Geschichten aus Liestal zu Ohren gekommen: «Bei ‹Les 3C› telefonierte ein Mann, den sie auf der Strasse trafen, zunächst sein halbes Adressbuch ab, um ihnen eine Unterkunft zu organisieren. Nach einigen Umwegen landeten sie abends in einem Restaurant – zwar mit Essen, aber um 21 Uhr immer noch ohne Bett. Ein französischsprachiges Paar am Nebentisch bekam die Situation mit und nahm sie schliesslich spontan bei sich auf. Die beiden Gastgeber wuschen sogar ihre Wäsche und liessen ihnen am nächsten Morgen ihr Haus offen, obwohl sie selber zur Arbeit mussten.»
Solche Geschichten zeigen sehr schön, was «SchweizExpress» ausmacht, findet Marianna Fellmann: «Man weiss morgens nie, wem man am Abend begegnen wird.»






