Kirche bedeutet für ihn Gemeinschaft
Pensionierung Pfarrer Roland Durst hat die Kirchgemeinde Ziefen-Lupsingen-Arboldswil 17 Jahre lang geprägt

Roland Durst überlegt sich jeweils sehr genau, ob er «nur schnell etwas einkaufen gehen» will. Denn es kann sein, dass er erst nach einer Dreiviertelstunde wieder zurück im Pfarrhaus ist. Pfarramt und Person lassen sich eben nicht scharf trennen, meint Roland Durst, und er ist einer, der sich Zeit für jedes Gespräch nimmt. Wenn er durchs Dorf spaziert, grüssen ihn Bekannte oder Schüler aus dem Reli-Unterricht, und alle winken, wenn sie seinen Renault Twizy auf der Strasse sehen. Als er das kleine Auto, das allgemein nur «Pfarrmobil» genannt wird, einmal einem Pfarrkollegen ausgeliehen hat, war dieser ganz erstaunt, dass ihm so viele Leute zuwinkten, weil sie dachten, er sei er.
Nach 17 Jahren verlässt er nun die Reformierte Kirchgemeinde Ziefen-Lupsingen-Arboldswil (ZLA) und geht in Pension. Einerseits freue er sich, sagt er, andererseits falle es ihm schwer loszulassen. Vor allem wegen den Menschen, die ihm ans Herz gewachsen sind.
Roland Durst hat erst relativ spät, mit 41 Jahren, angefangen Theologie zu studieren. Zuvor war er als Physiotherapeut sowie Persönlichkeits- und Erwachsenenbildner tätig. Als er seine erste Stelle in der Kirchgemeinde ZLA antrat, hatte er keinen speziellen Bezug zu den drei Dörfern, lebte sich aber sehr schnell ein. «Ich habe meine Aufgabe immer darin gesehen, Kontakte zu knüpfen», erklärt er. «Ich werde im Pfarramt dafür bezahlt, Zeit zu haben für die Leute.» So sei er finanziell unabhängig und müsse mit niemandem einen «Deal» machen. Im Gegenteil: Es gehe darum, für die Leute da zu sein.
Von Vorteil war auch, dass Roland Durst von Anfang an im Pfarrhaus in Lupsingen wohnte, zuerst allein, erst später zog seine Partnerin nach. «Das ist ganz anders, als wenn man am Morgen hin und am Abend wieder zurück fährt.» Erst gegen Ende seiner Amtszeit, vor etwa einem halben Jahr, hat er seinen Lebensmittelpunkt «auf die andere Seite des Gempens» verlegt. Aber dass er die meiste Zeit vor Ort gelebt habe, sei eine gute Grundlage gewesen, um auch seine Vorstellung von Pfarramt zu leben. «Auch wenn ich mich nie als ‹Lupsibärger› sah», wie er nachschiebt. «Ich war immer als Gast hier.»
Für die Leute da zu sein, war besonders bei Trauerfällen ein wichtiger Teil der Aufgabe. In der Rückschau sei es jedes Mal eine ganz besondere Erfahrung gewesen, stellt Roland Durst fest. Es sei ein Privileg, sich als Pfarrer zu einer Familie an den Tisch setzen zu dürfen, die sich in einem Ausnahmezustand befinde, und sich anzuhören, was die Familienmitglieder erzählen. «Ich fühlte mich immer sehr beschenkt.»
Von vermeintlich tröstenden Floskeln hielt er nie viel: Wenn ein Sohn vor den Eltern sterbe, wolle er nicht damit kommen, dass das Gottes Plan gewesen sei. «So etwas macht mich ‹hässig›, das ist ein Hohn, eine Geringschätzung», sagt Roland Durst. «Es war Schicksal, eine unglückliche Verknüpfung von Faktoren, und ich möchte das mit den Leuten zusammen aushalten.»
Überhaupt redet Roland Durst weniger oft über Gott als über «das Göttliche». Seine der Welt und den Menschen zugewandte Art hat ihm auch schon den Spruch eingebracht, dass er ein «ungläubiger Pfarrer» sei – was er mittlerweile gelernt hat wegzustecken – oder dass er zumindest «mutig» sei. Aber er könne halt nicht den Kopf ausschalten und nur das sagen, was die Leute hören wollten, betont er. Sondern nur, wozu er auch stehen könne. Und mit zunehmendem Alter habe er mehr Fragen als Antworten.
Natürlich freut sich Roland Durst, dass er jetzt Verantwortung abgeben kann und frei von der hohen Kadenz an Verpflichtungen im Jahreslauf ist. Aber dieses Gefühl sei ambivalent – wie jede Facette des Lebens, etwa die angesprochenen Trauerfälle. Vermissen werde er die Gespräche und vertrauten Gesichter, etwa in «seinem» Altersheim Moosmatt. Die Bewohnenden hat er bereits nach Empfehlungen zum Pensioniert-Sein gefragt, die er zu beherzigen gedenkt. Die «Moosmatt-Gespräche» hat Roland Durst letzten Herbst aufgegleist, als niederschwellige Möglichkeit, mit der Pfarrperson ins Gespräch zu kommen.
Schöner Abschluss einer Laufbahn
Etwas länger schon, seit 14 Jahren, existiert ein anderes Herzensprojekt: das «Käffeli» im L25 (L25 steht für die Adresse der Kirchgemeinde-Räumlichkeiten an der Liestalerstrasse 25). Anfangs war es täglich geöffnet und verzeichnete 2000 Besuche übers Jahr. Als der Volg-Laden aus der Nachbarschaft wegzog, kamen jedoch immer weniger Leute im unteren Teil des Dorfes vorbei und vor allem seit der Corona-Zeit schwand die Besucherzahl. Jetzt ist es nur noch donnerstags für zwei Stunden geöffnet. Roland Durst sieht das nicht unbedingt als ein Scheitern an, sondern will dem «mit einer gewissen Leichtigkeit» begegnen: «Etwas kann entstehen und wieder aufhören.» Auch wenn er sich persönlich schwer damit tue – auch das ist eine dieser Ambivalenzen.
Seinen letzten amtlichen Termin hat er heute Donnerstag, der Abschiedsgottesdienst fand letzten Sonntag statt. Dankbar ist er für die tolle Zusammenarbeit mit der Kirchenpflege in der aktuellen Besetzung: «Sie machen das grossartig – das ist ein ganz wunderbarer Abschluss meiner Berufslaufbahn», sagt Roland Durst.


