Klangkathedrale aus fünf Stimmen
Liestal Vokalensemble «Cinquecento» bei «Stimmen zu Gast»

Dem Publikum dürfte der Auftritt des fünfköpfigen A-Cappella-Ensembles «Cinquecento» in der Stadtkirche Liestal zurecht noch lange in Erinnerung bleiben. Die Männerstimmen präsentierten Werke von Thomas Tallis und Christopher Tye aus der englischen Tudorzeit. Im Zentrum stand «The Peterhouse Mass» des promovierten Komponisten Tye, entstanden um 1540. Die Messe besticht durch rhythmischen Eigensinn, harmonische Querstände und spannungsvolle Engführungen der Simmen, die oft an instrumentale Kompositionen erinnern.
Schon im weit ausschwingenden «Gloria» überzeugte die Formation mit präziser, sauberer Intonation, eleganten Phrasierungen und überlegter Dynamik. Besonders zu erwähnen ist die klare Countertenorstimme von Terry Wey. Deklamatorischer und mit dramatischen Höhepunkten und Accelerandi erklang das Credo. Es folgte ein kurzes polyphones «Alleluia» mit der marianischen Antiphon «Per te, Dei genitrix», bei dem der gregorianische Gesang in seiner schmucklosen, fast archaischen Einstimmigkeit einen klaren Gegensatz zum festlichen Stimmengeflecht der vier anderen Stimmen stand. Vor dem feierlichen, raumgreifenden «Sanctus» sangen die Sänger die stille Motette «In pace» über das friedliche Einschlafen, wobei eine geborgene Atmosphäre entstand, die fast entrückt und zeitlos wirkte. Überhaupt entfaltete der polyphone Gesang, bei dem die Sänger manchmal in den hinteren Teil des Chors wechselten, eine meditative, wenn nicht hypnotische Wirkung, sodass das aufmerksame Publikum erst am Schluss des Konzerts applaudierte. Im «Agnus Dei», dem besinnlichsten Teil der Messe hörte man lange Melodielinien, dichte Vorhalte, bevor die ausgedehnte Bussmotette «Miserere mei, Deus» erklang, eine flehende, dramatisch gestalteter Psalmtext, der dem Ensemble noch einmal alles abverlangte.
Thomas Tallisals Kontrast
Die «Peterhouse Mass» von Christopher Tye wurde umrahmt von drei Werken des Komponisten Thomas Tallis, der insgesamt vier Regentschaften von Heinrich VIII. bis Elisabeth I. erlebte. Die fünfstimmige Motette «Salvator Mundi» setzt nacheinander imitierend ein und verbindet Kontemplation mit verhaltener Dringlichkeit. Das tief gesetzte intime «In ieiunio et fletu» («Mit Fasten und Bitten») mit einem Text aus dem Buch Joel ist ein Busslied und könnte durchaus die Verzweiflung der unterdrückten Katholiken im englischen Königreich reflektiert haben. Vollkommen schlicht ist das englische Anthem «If ye love me», das das reformatorische Ideal der gut verständlichen Kirchenmusik verkörpert. Als Zugabe erklang das fünfstimmige «Ave Maria» von Robert Parsons, eine der innigsten englischen Marienmotetten der Renaissance. Eindrucksvoll ist der stetige Aufbau, der über langen Melodiebögen, sanften Dissonanzen und raffinierten Verzögerungen im himmelstürmenden Amen seinen Abschluss findet. Nach dem Konzert konnte man beim Apéro noch mit den Protagonisten plaudern.


