Sternstunde zum Saisonende
«Stimmen zu Gast» Beseligender Liederabend mit Chelsea Zurflüh

Wenn eine international gefragte Schweizer Sopranistin Zeit findet, zweimal im selben Jahr in der Stadtkirche Liestal aufzutreten, grenzt das schon fast an ein Wunder. Am 16. Juni war Chelsea Zurflüh aus Biel im Rahmen von «Stimmen zu Gast» mit einem höchst wohldurchdachten Programm zu hören. Nach dem Hinweis von Andrea Suter auf das «verflixte siebte Jahr» der Reihe betraten Chelsea Zurflüh und ihr Klavierbegleiter Riccardo Bovino die Bühne.
Schon im spätromantischen Weihnachtslied «Heilige Nacht» von Strauss mit seinen langen Legatobögen fragte man sich, woher Zurflüh die Stütze für das unglaubliche Volumen ihrer brillanten Stimme nimmt. Im verspielten «Ich wollt ein Sträusslein binden» kamen ihr silbrig-lyrischer Koloratursopran und die Fähigkeit zu mühelosen Stimmwechseln besonders schön zum Ausdruck. Mit filigraner Klavierbegleitung kam «Säusle, liebe Myrthe!» daher, ein duftiges Lied, in dem die Sopranistin mit gepflegten Phrasierungen und klarer Artikulation überzeugte. Das innige frühe Strauss-Lied «Als mir dein Lied erklang» mit weiten Melodiebögen zeigte die reife musikalische Gestaltungskraft und emotionale Steigerungsfähigkeit von Chelsea Zurflüh. Sprühend, virtuos und humorvoll wurde der Strauss-Block mit «Amor» beendet. Hier sang Zurflüh hochvirtuos und mit mimisch-gestischer Präsenz. In Mahlers Liedern wurde die Stimme stärker zur Bühnenfigur. «Verlorne Müh» ist ein humorvoller Dialog zwischen einem Mädchen und einem abweisenden Jungen. Dramatisch und präzise Rhythmik einfordernd ist «Das irdische Leben», das die Not eines hungernden Kindes beschreibt. Es wurde mit emotionaler Intensität interpretiert. Hier hat sich Strauss, auch bei der Begleitung, an Schuberts «Erlkönig» erinnert. Kontrastiert wurde dieses Lied durch das charmante «Rheinlegendchen».
Sprühende iberische Klänge
Die «Canciones clásicas españolas» gehören zu den wichtigsten Werken des spanischen Kunstliedrepertoires. Es zeigte sich, dass sich Chelsea Zurflüh sowohl technisch als auch musikalisch hervorragend in diese Klangwelt eingearbeitet hat. Zugute kommen ihr dabei die hohe Beweglichkeit ihrer Stimme, gepaart mit den exzellenten Höhen. Die sieben Stücke sind meist kurz, farbig und vom Volkslied inspiriert. Besonders bekannt ist «Del cabello más sutil» mit der kantabel geführten Singstimme. Lebendig interpretierten Zurflüh und Bovino das Hochzeitslied «Chiquitita la novia». Die «Siete canciones populares españolas» von Manuel de Falla sind unmittelbarer und archaischer als die Lieder von Obradors. Ob inniges Liebeslied, ob das introvertierte «Corazón, porque pasáis», das humoristische Eifersuchtslied «El majo celoso» voller Bühnenpräsenz oder das wilde und dramatische «Polo» voller schmerzlicher Leidenschaft – stets wusste Zurflüh jedem Lied den angemessenen Charakter zu verleihen, kongenial von Riccardo Bovino am Klavier begleitet. Nach langem Applaus gab es als Zugabe eine virtuose Zarzuela-Arie und das innige «An die Musik» von Franz Schubert.


